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Recensioni

Carl Wilhelm Macke

Antonella Romeo "La 'deutsche' Vita, aus dem Italienischen von Barbara Schaden Hoffmann und Campe-Verlag", Hamburg, 2004, 205 S.


Eine italienische Journalistin versucht, die Deutschen zu verstehen, Deutschland zu entdecken, ohne dabei ihre italienische Herkunft zu vergessen.
Schon das vom Verlag gewählte Coverbild ist irritierend. Eine üppig grüne Parklandschaft, die für ein deutsches Auge nichts Außergewöhnliches darstellt. Wer jedoch die italienischen Betonwüsten in und um großen Städten wie Rom, Neapel, Mailand oder Turin kennt, merkt bei diesem Motiv auf. Italienische Städte mögen unendlich viele bedeutsame historische Bauten besitzen, größere Grünanlagen jedoch gibt es nur wenige. Die in Turin geborene, und jahrelang in Mailand als Journalistin tätig gewesene Antonella Romeo ist von dem Grün in der deutschen Landschaft begeistert. "Die Italiener haben nicht die leiseste Ahnung was sie versäumen, wenn sie auf ihren Reisen Deutschland links liegen lassen". Fasziniert zeigt sie ihren italienischen Freunden die Reize Schleswig-Holsteins, während die deutschen Freunde immer nur von der Toskana träumen. "Das Land, wo die Zitronen verfaulen", karikiert sie die weit verbreitete deutsche Italien-Verklärung seit Goethe. Siena oder Urbino oder Ferrara sind ja auch nur in ihren Centri Storici sehenswert. An die die Städte umzingelnden Wüsten von Supermärkten, Umgehensstrassen, Mietskasernen will man in Deutschland nicht denken, wenn man von 'la bella Italia' träumt. Die Autorin versucht aber nicht nur für Deutsche oft ungewohnte Blicke auf deutsche Landschaften zu werfen. Sie sieht auch viele andere alltägliche Besonderheiten in ihrem neuen Gastland, die deutlich unterschieden sind von Italien.
Die Deutschen, so sieht es jedenfalls Antonella Romeo, sind zum Beispiel Weltmeister im Feiern und nur mit Grauen erinnert sie sich an Familienfeste im heimatlichen Italien, wo zwar sehr gut gegessen wird, aber alle Spontaneität in Förmlichkeiten erstickt wird. "Nie habe ich so viel gefeiert wie in meiner Zeit in Deutschland". Auch mit ihrer jüngeren Geschichte hätten sich die Deutschen wesentlich gründlicher auseinandergesetzt als die Italiener, die sich nach dem Krieg sofort alle zu 'Anti-Faschisten' erklärt haben. Aber, so muß der Autorin aus deutscher Sicht etwas kritisch entgegengehalten werden, auch in Deutschland begann diese ehrliche Auseinandersetzung mit der Nazi-Geschichte nicht unmittelbar nach der Befreiung. Erst in den späten sechziger Jahren konfrontierte man vornehmlich im Umfeld der "68er-Studentenbewegung" die Generation der Eltern mit ihrem häufig schrecklichen Versagen vor den Nazis. Und erst in den achtziger Jahren hat zum ersten Mal der bürgerlich-konservativer Bundespräsident von Weizsäcker zum ersten Mal offiziell das Ende der Nazi-Diktatur als 'Befreiung' tituliert. Auch in der Familie ihres deutschen Mannes trifft sie auf ein liegengebliebenes Gestein aus der jüngsten deutschen Vergangenheit. Sie, die einer antifaschistischen Familie entstammt und deren Eltern zum Teil noch gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft haben, schüttelt nur den Kopf über die hartnäckige Verdrängungsarbeit ihrer Schwiegereltern. "Wie gut, dass ich in diesem Land nicht geboren bin". Bei ihrer eigenen Mutter gelingt es der Autorin, die Vorbehalte gegen 'die Deutschen' zu überwinden. Bei ihrem Schwiegervater aber, der Mitglied der Waffen-SS gewesen ist, bleibt eine letztlich nicht zu überwindende mentale Barriere. Viele - nicht alle - ihrer deutschen Freunde, haben schmerzhaft diese Konfrontation mit den dunklen Flecken der eigenen Familiengeschichte durchstehen müssen.

Geringe Selbstliebe der Deutschen

Es zeichnet das Buch von Antonella Romeo aus, dass es nicht frei von Brüchen und scharfen Schnitten ist. Einem sehr ernsten Kapitel über die deutsche Nazi-Vergangenheit folgen unmittelbar ironisch gefärbte Beobachtungen über den deutschen Kerzenkult und das ins Italienische unübersetzbare Gefühl der 'Gemütlichkeit'. Sie schreibt kopfschüttelnd über den libertären Alltag auf einem Nudistenstrand an der Nordsee, um dann sofort den kalten Umgang vieler Deutschen mit ihren alten Verwandten und Nachbarn zu beklagen. Während es ihr gelingt, viele in Italien verbreitete Klischees über Deutschland zu widerlegen, ist ihr Italien-Bild nicht ganz frei von Überzeichnungen. Aber vielleicht ist das auch nur eine 'typisch deutsche Wahrnehmung', nach der das eigene Land gerne in tiefschwarzen Farben gemalt wird, aber 'im Süden' immer nur Feste gefeiert werden, die Sonne ohne Unterlaß scheint und die Menschen das Leben nicht so ernst nehmen. "Die geringe Selbstliebe, der überkritische Blick auf sich selbst", schreibt Antonella Romeo an einer Stelle, " empfand ich als den auffälligsten und eigenartigsten Charakterzug in diesem Land". Dass es der italienischen Autorin gelingt, ihre deutschen Lesern zu einem differenzierten Blick auf das eigene Land zu verhelfen, ohne dabei irgendwelche patriotischen, gar 'stolze' Gefühle zu entwickeln, nimmt man mit Dankbarkeit zur Kenntnis. Sehr schön, fast zu schön, die letzten Passagen des Buches, in denen sie schildert, wie ihre ehemals den Deutschen gegenüber reservierte piemontesische Mutter sich so zart über die deutsche Sprache äußert: "Sie hat etwas Weiches, wenn die Mädchen ( Enkelkinder ) sie sprechen." Nun kann man nur hoffen, dass dieses wider alle Klischees geschriebene Buch auch einen italienischen Verleger findet. Die italienische Sicht auf Deutschland ist leider immer noch von viel Unwissen und Einseitigkeiten geprägt. Es wird Zeit, dass endlich einmal mit den gegenseitigen Klischees und Vorurteile zwischen Italienern und Deutschen aufgeräumt wird. Antonella Romeo hat mit ihrem Buch da einen sehr guten Anfang gemacht.


Carl Wilhelm Macke


Antonella Romeo, geb. in Turin, Studium in Turin; als Journalistin in Mailand u.a. beim 'Corriere della Sera' gearbeitet, seit Anfang der neunziger Jahre in Deutschland/ Hamburg lebend, zwei Kinder, freie Journalistin u.a. für die ZEIT, den SPIEGEL, WDR

 


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