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Testi inediti di Felix Weigand

kurt
Obduktion
wie aus dem bilderbuch!
unbezeugtes
augenweide
farbenlehre
antlitz eines augenblicks
procedere
fakten
heimweg
Veröffentlichungen Felix Weigand


kurt

ich bin kurt.

mein haar ist länger als ich:
als kurt.

wenn ich gehe
geht mein haar hinter mir her
ganz schön schwer.

ich bin kurt.


obduktion

I.

zeitpunkt: 21. jahrhundert nach christi geburt/
vorliegendes material: der mensch/
perspektive: von ferne/

befund wie folgt:/

gesicht: chirurgisch/
muskeln: anabol/
schlaf: pharmazeutisch/

freude: psychedelisch/
umgebung: virtuell/
umgang: steril/

aggregatzustand: theomorph/
besondere merkmale: auf der flucht/

II.

diagnose: keines natürlichen todes gestorben/
todesursache: sehn-sucht/

III.

prognose: wiederauferstehung möglich/
alles weitere: ungewiss -


wie aus dem bilderbuch!

wandernd reicht mir
ein fisch seine flosse
und fragt mich:

wohin des weges?

ich zeige aufs meer
und jeder geht
seiner wege.


unbezeugtes

I.

am grunde des seins schweigts
und stillt unser stumpfes begehren:
das credo das placebo

tragen wir staub auf den lippen
bleiben alt und dumpf
unser ton

und die bedeutung
der wir glauben schenken
sie schläft.

II.

lassen wir worte gebären:
die losigkeit unseres rats
das nicht unseres verstehens
und das ver unseres drängens!

heiligen wir den unsinn
richten hin was da schreit
retten hinüber von der zeit
was wir sahen!

III.

reichen wir
hinter den mond den bruder
auf eine insel ohne breite und länge
in eine ausgestorbene sprache

dort wird raum sein
mit gedanken zu füllen und zeit
nach der wir uns nicht richten.

IV.

und durch mein visier
wird er brücken schlagen:

der wind in meinem blick
der sumpf in meiner klage
und der widerspruch.

und aus meinem gedächtnis
werden sprechen:
ungeortete atmung
instinkte und horizonte
wiederholtes versäumtes
und geahntes.

V.

nicht mehr
wird man einst erwarten können
von meinem erbe

als einen flügelschlag
der mir in den schoß fiel
und das nest im schädel
dort wo die zunge saß.


augenweide

ich sah dich gern
war doch der ausdruck
mein fetisch.

roch ich an der flamme
die auf deiner zunge pfiff
griff ich an dein haar.

du hast mir nie gefehlt
doch der stand deiner züge
war mir stets
ein anliegen.


farbenlehre

anlaut

dieser text wird sich um feinde der diskretion nicht scheren. er versucht, wermut, engelwurz und tausendgüldenkraut in zusammenhang mit zuckerrohr, manna und mohrenhirse darzustellen; nicht in anti- sondern in synthese, als komplement und amplitudisches moment, als aggregat von fruchtbarem format, als dialektisches geschweif. luzides und liquides steht im zentrum seines klangs.

inlaut

mein name ist nemo. ich wohne dort, wo sich das licht verliert und wo die zeit in ihrem lauf stagniert. ich habe sieben seidenspinner, neun moränen, fünf lemuren und drei abendsegler. mein instrument ist die windharfe und die leier - wenn ich sie spielen könnte. mein blickwinkel ist dichromatisch und richtet sich auf blau und rot, auf saphir und rubin und nichts weiter.
ich atme in gleitzeit, keine übliche luft, sondern oh zwei. meinen durst lösche ich, statt mit gewöhnlichem wasser, mit ha zwei oh. ich bin: mensch, astloch und kurve; doch auch zyklon und hydra, wenn's beliebt, und noch viel mehr: trockenblume, fischauge und rostfleck. auch bin ich pferd ohne kutsche, feld ohne magnet und innen- ohne außenseite.
alles, was ich kenne, liebe, für sinnvoll erachte, was erfüllung bedeutet, was mich verfolgt und was ich verfolge, selbst meine stopfleber, mein langatmiges kind, das ich psyche nannte, mein zirrhosenblick, mein verlorenes gesicht, mein missgeschick, all das - ist einzig und allein, schlicht und ergreifend, kurz und gut: ultramarin mit karmesin, azur mit purpur. nichts weiter.

auslaut

wenn sie von alldem nur bahnhof verstehen, so steigen sie doch einmal in den zug und sehen sie, wohin er fährt! wenn es ihnen allerdings spanisch oder chinesisch vorkommen sollte, genügt es wohl, sich ein entsprechendes wörterbuch anzuschaffen. wenn es ihnen jedoch gar zu verständlich erscheint, sollten sie wenigstens versuchen, es ins spanische oder chinesische zu übertragen!


antlitz eines augenblicks

I.

kein mond zu sehen
keine verstummende zeit
keine zukunftsmatrizen.

mythen ohne mystik
gebunden und interpretiert -
nirgends romanzen im raum.

II.

im wartesaal der epochen
hocken stumm und missmutig:
die geheimnisse.

neben aschenbecher
und korbflasche:
eine trockenblume.

die stille um uns
ist nicht ungut:

sie riecht
nach restmüll
und selbstbedienung.

III.

dorthinten
am horizont
tobt die gerätefront:

rohlinge rotieren
kampfgeschrei erhebend
am vorverstärkten high end
der maschinenphalanx

in deren zentrum schwelt
geharnischt und gestählt:
das rasende gigahertz!

klaffende schnittstellen
und glühende hotlines
im brütenden schatten
der brenner


die sinkende sonne
im display der schlacht -
sie zieht sich stück um stück
ins sichere standby zurück.

IV.

aus den umlaufbahnen
dringt stöhnen -

heute?

ein sommertag:
100 watt und 24 grad
im thermostat.


procedere

I.

genug der sintfluten
genug der apokalypsen
und jüngsten gerichte

der verheißungen
gelöbnisse und
heiligen stätten -

all das
wird nicht sein.

II.

man wird uns forttragen
aus den fronten
mitten hinein

in eine grundlose wärme
und in ein anspruchsloses
nichts.

III.

die gedanken
werden ein- und ausdrücken
weichen

die funktionen
ausbluten

und keine eile
wird uns in den schritt fallen -
denn keine schritte wird es geben.

IV.

kennworte
wird man umsonst suchen:

pins parolen
codes kassiber
schibboleths chiffren -

all das
wird nicht sein.

V.

zum glück
wird nichts fehlen:

denn bald schon
werden wir es
vergessen haben!


fakten

das leben hat einen horizont, der fern verläuft und weit. der horizont wird aus wünschen gemacht. jeder wünscht und bleibt dennoch still. still im schrecken und still in der stille. jeder sucht sein schnelles seelenheil. seelen aber sind weder lang-, noch kurz-, noch mittelfristig. auch sind sie frei von heil: so wie ein bart ohne gesicht oder die teilnahme eines winkels. mit blut verhält es sich ähnlich: es ist nicht zu gebrauchen, ist weder frisch gepresst noch blau. blut fließt und fließt, ohne deshalb nachhaltig zu sein.
zeit schließlich besteht nicht, sondern vergeht. zeit ist ein begriff ohne schliff, ein parfüm, nichts weiter. man kann sich an ihr versuchen wie am meer oder am licht. mehr kann man nicht!


heimweg

I.

ich trage im gesicht
das licht
der letzten tage

und dort
im bernstein
unter meinen lidern

möcht'
die fossile klage
ihre zeit erwidern.

meine geheimnisse
sind schmal
und wohl zerbrechlich

verglichen
mit dem tod
und unaussprechlich.

II.

gerade erst
bin ich geboren
gerade erst

hab' ich den zitzen
meiner ahnen
abgeschworen

und pilgere
zum späten horizont.

III.

und während hunde
aus den winkeln
dieser welten bellen:

hör ich
wie von wellen
fernes rauschen

dezentriert
und ohne willen
kaum zu lauschen.
IV.

und während ich
den urschrei
exhumiere

und dabei
in der unzeit
mich verliere:

ist schon
ein neuer tag
im werdegang!


Veröffentlichungen Felix Weigand

an den ufern -
In: Houben, Arne (Hg.): Schrittmacher 2000. Jugend-Literatur-Jahrbuch, Briedel/ Mosel 1999.

die noch zu findende inspiration - In: Houben, Arne (Hg.): Schrittmacher 2000. Jugend-Literatur-Jahrbuch, Briedel/ Mosel 1999. und in: Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser e.V. (Hg.): Schauerfeld. Mitteilungen der Arno-Schmidt-Leser, 13. Jg., 1. Heft, Solingen 2000.

nachmittags - In: Houben, Arne (Hg.): Schrittmacher 2000. Jugend-Literatur-Jahrbuch, Briedel/ Mosel 1999.

nächtens - In: Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes (Hg.): Ausgewählte Werke III, Gräfelfing 2000.

was heißt das: das heißt was - In: Houben, Arne (Hg.): Schrittmacher 2001. Jugend-Literatur-Jahrbuch, Briedel/ Mosel 2000.

einfach - In: Eichner, Cornelia (Hg.): Tränen. Eine Anthologie, Großenkneten 2000.

wein doch mal - In: Eichner, Cornelia (Hg.): Tränen. Eine Anthologie, Großenkneten 2000.

fisch - In: Edition Wendepunkt (Hg.): Matinée, 2002.

obduktion - In: Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes (Hg.): Ausgewählte Werke VI, Gräfelfing 2003.

farbenlehre - In: Prolibris Verlag (Hg.): Holzhäuser Heckethaler. Die besten Geschichten, Kassel 2004.


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