:: quaderni di poesia tedesca
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Università degli studi di Torino
Facoltà di Lettere e Filosofia
Corso di Laurea in Lingue e Letterature Straniere
Tesi di Laurea in Letteratura Tedesca
Anno Accademico 1996-1997

"Hans-Ulrich Treichel"
Tesi di Laurea monografica a cura di: Roberta Mentigazzi

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INTERVISTA A HANS-ULRICH TREICHEL

Leipzig den, 23 November 1999.

Roberta Mentigazzi. :

Wenn ich ausdrücken wollte, was ich beim Lesen "Von Leib und Seele" empfunden habe, dann würde ich wie der Journalist Michael Schweizer (Freitag Nr.24, 5.6.1992), sagen: "Ich hätte es mir länger gewünscht". Was ich für Ihre größte erzählerische Stärke halte, ist die Demaskierung des Lebens und des Menschen, die der Demaskierung des erzählenden Ichs nachfolgen. Die Leser empfinden eine Art Ehrlichkeit, die es ihnen erlaubt, sich in die Ereignisse zu vertiefen und sich mit dem ironischen und sarkastischen Blick des erzählenden-Ichs zu identifizieren. Gehört diese Stärke mehr dem Menschen oder dem Autor Treichel?

Treichel:

Damit haben Sie natürlich eine Grundfrage angesprochen: Wie stark muss man auch auf die Differenz zwischen Menschen, Autor und Erzähler achten? Es gibt den Menschen, es gibt den Autor, beide können eine Differenz haben, und dann gibt es noch den Erzähler im jeweiligen Buch. Der ist auch ja noch mal eine eigene literarische Instanz und der muss auch nicht mit dem Menschen zu tun haben. Bei den positiven Dingen des Erzählers, hoffe ich, daß sie auf den Menschen zutreffen. Aber in diesem Fall ist es natürlich, bleiben wir mal beim Autor oder beim Erzähler, eine eigene Art des Erzählers, was Sie auch gesagt haben, was Sie auch Ehrlichkeit und Demaskierung nennen. Wobei ich es eben in der Tat wichtig finde, dass der Autor nicht nur den anderen in den demaskierenden Blick nimmt, sondern auch sich selbst. Das ist auch, glaube ich, bei der ironischen Darstellung wichtig, dass man das eigene Ich nicht aussperrt, sondern dass die ironische Wahrnehmung auch ein Ziel ist. Ja das ist natürlich, ich hoffe es, auch eine Stärke des Menschen, nicht nur des Autors.

R.M. :

Ohne Sie oder Thomas Bernhard herabsetzen zu wollen, fand ich die allgemeine Behauptung der Kritik, Ihr Erzählstil erinnere manchmal sehr an den vom Thomas Bernhard, nicht allgemein zutreffend. Dieser Eindruck verstärkte sich auch dadurch, dass ich bei der Lektüre von Bernhard kaum lachen musste, zudem empfand ich Ihre Beschreibungen als sehr visuelle Bilder, bei denen es den Lesern wenig Mühe bereitet, sie sich vorzustellen. Inwieweit und überhaupt kann man, Ihrer Meinung nach, von einer Verbindung zwischen Ihrem Erzählstil und dem vom Bernhard reden?

Treichel:

In einigen Texten gibt es ein Element, das ist das Element der Wiederholung und das ist ein Verwandtes, wobei ich glaube, daß ich das anders einsetze als Thomas Bernhard. Da ist, glaube ich, eine Differenz, bei Th. Bernhard wird es fast universell eingesetzt und ich glaube, dass es da bei mir ein bisschen anders funktioniert, dass es nicht so universell eingesetzt wird. Wiederholung hat auch etwas mit Traumatisierung zu tun und da spielt es eine bestimmte Rolle, auch in der Darstellung. Bestimmte Diskursformen. Dieses wiederholende Sprechen, kenne ich auch aus der Kindheit. Ich erinnere mich daran, dass in der Familie, keine Informationen ausgetauscht wurden, sondern es wurden Wiederholungen evoziert und das hat für mich also ja auch dort eine Quelle. Aber während bei Bernhard der Moment der Reflektion stärker ist, ist doch hier der Moment des Kommunikationsverhaltens und der Verweigerung von Kommunikation stärker.

R.M. :

Die Liebe wird in Ihren Gedichten immer wieder als etwas Unerreichbares beschrieben, als hoffnungsvoller Konjunktiv-Traum, der exemplarisch in dem Gedichtband "Liebe Not" zusammengefasst ist. Ist die Liebe als Ideal, so wie es der Komponist Henze bezüglich des "Weihnachtslieds" vermutete, heute noch zeitgemäß?

Treichel:

Ich glaube die Liebe ist natürlich als menschliches Verhalten immer zeitgemäß. Geliebt und gelitten wird natürlich immer. Das ist, glaube ich, klar. Ich persönlich habe mehr über das nicht Gelingen oder das Problematische der Liebe geschrieben und nicht so sehr über die erfüllten Glücksmomente, sondern ich habe eher die Momente der Enttäuschung, Vergeblichkeit, Leere oder so etwas thematisiert und das ist, glaube ich, auch immer zeitgemäß. Das ist natürlich nicht die ganze Liebe, aber über das Glück schreibt man vielleicht erst, wenn man älter wird, wenn sich das Lebensende nähert. Aber, ich glaube, wenn man jünger ist, schreibt man eher über das Scheitern und nicht über das Gelingen. Was mich als Autor interessiert hat, das ist eher das Scheitern oder die Müdigkeit oder die Vergeblichkeit. Und das Glück nehme ich so zu sagen hin, ohne darüber zu schreiben.

R.M. :

Das Gedicht "Potsdamer Straße" hat mir Schwierigkeiten bereitet. Im zehnten Vers wurde Bolle im Verbindung mit dem berühmten Kabarettisten Karl Valentin erwähnt: "Karl Valentin frei nach Bolle" und fast am Ende des Gedichts haben Sie der Kontaktbereichsbeamte erwähnt. Können Sie bitte andeuten, wer "Bolle" und "der Kontaktbereichsbeamte" waren oder sind?

Treichel:

Bolle ist einmal etwas typisch Berlinerisches, zuerst ist es eine Supermarktkette. Früher war das auch ein Milchhändler, das ist aber nicht unbedingt gemeint. Dann gibt es ein Lied: "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel" . Das ist ein berlinerisches volkstümliches Lied, ich weiß nicht genau woher es kommt. Dann ist Bolle auch eine volkstümliche Figur. Die Verbindung zwischen Karl Valentin und Bolle im Gedicht, weist wahrscheinlich einfach etwas Volkstümliches auf. Der Kontaktbereichsbeamte, das war in den 70er und 80er Jahren eine moderne Vokabel für den Revierpolizisten, für den Polizisten, der im Revier, also zu Fuß, umherging. Im Gedicht ist eigentlich Polizist gemeint.

R.M. :

In dem Gedichtband "Tarantella" wird das Substantiv "Messer" fast wie ein Leitmotiv wiederholt ("rostige Messer im Bauch" "Ich sah aus Bäumen/Messerspitzen sprießen"; "Im Nacken das Messer";...) , während in "Liebe Not. Gedichte" wird diese Rolle von dem Adjektiv "salzig" übernommen ( ""salzige Wiesen"; ""Wir reiben uns wund/in den salzigen Laken"; "Roddy der Schäfer zog/ über die salzigen Hügel";...) . Beide Worte lassen sich als eine Art alltägliche Gewalt und ein störendes Moment deuten. Was bedeuten diese Worte für Sie?

Treichel:

Darüber habe ich nie nachgedacht, ehrlich gesagt. Anscheinend gab es während des Schreibens eine gewisse Attraktion, oder eine assoziative Nähe zu diesen Worten. Ich erinnere mich an ein Gedicht über den Vater, wo das Salz Ränder über dem Herzen ließ . Es hat auch natürlich etwas zu tun mit dem Schweiß oder mit Angst, das sind, glaube ich, die Assoziationen gewesen, und es geht in beide Richtungen Angst oder Lust. Und bei dem Vater meine ich, ist es eher seine Angst. Diese Worte haben aber immer eine andere Bedeutung. Salzig in den "salzigen Hügel" bedeutet hier unfruchtbar, karg. Man kann also nicht wirklich von einem Leitmotiv sprechen.

R.M. :

Beim Lesen "Der Verlorene" empfand ich, daß der Ton sowie der Erzählstil im Gegensatz zu den vorangegangenen Prosawerken sehr an den Stil Ihrer Gedichte erinnert. Ein Grund dafür findet sich vor allem in dem wieder stärker hervortretenden Sarkasmus und der Ironie. Als ich mit der Lektüre fertig war, habe ich empfunden, daß etwas nicht mehr stimmte. Etwas hatte sich verändert. Während ich nach der Lektüre der anderen Prosabände ein glückliches Gefühl verspürte, war ich im Gegensatz dazu am Ende des Romans "Der Verlorene" sehr traurig. Den Grund dafür habe ich teilweise in den Zeitungen gefunden, wo ich las, dass dieser Roman autobiographische Züge trage. Plötzlich habe ich bemerkt, dass diese Erzählung für Sie auch eine Art sein könnte, Ihnen Ihre Kindheit zurückzugeben und diese aufzuarbeiten. In Bezug auf ein so heikles Thema möchte man statt Fragen zu stellen, Antworten finden. Meine Frage wird aber so leise klingen, damit sie auch überhört werden kann, wenn Sie das möchten. Haben Sie und Ihre Geschwister die Suche nach dem Bruder fortgesetzt?

Treichel:

Das haben Sie sehr diskret formuliert. Das muss ich nicht überhören, die Frage wurde mir auch bei Lesungen gestellt und da sind die Leute weniger diskret. Nein wir haben nichts gemacht, weil es auch keine Möglichkeit gibt, weil das Kind ja ohne Namen verloren gegangen ist, wie das auch im Buch geschrieben wird.

R.M. :

Haben Sie auch manchmal daran gedacht, dass Ihnen Ihr Roman bei der Suche nach dem verlorenen Bruder behilflich sein könnte?

Treichel:

Ja es gab sogar mal auch einen Artikel im "Spiegel" , wo ein Bild von meiner Mutter mit dem Kind war, und da habe ich natürlich auch ein Moment lang gedacht: "Vielleicht liest der das". Aber dieses verlorene Kind weiß ja nicht, unter welchen Umständen es verlorengegangen ist. Das ist ihm vielleicht erzählt worden. Das war auch relativ spät. Eine reale Suche habe ich nicht gemacht und meine Geschwister auch nicht.

R.M. :

Stimmt es, dass Ihre Eltern das verlorengegangene Kind gesucht haben?

Treichel:

Ja Ende der 50er, Anfang der 60er Jahren hatten sie durch dieses Findelkind, worüber auch in dem Roman erzählt wird, einen Hoffnungsschimmer gehabt, aber es ist negativ ausgegangen und danach gab es keine Chance.

R.M. :

Sowohl in Ihren Gedichten als auch in der Prosa wird die Figur des Vaters fast immer autoritär und lieblos geschildert. Man hat in bezug auf die Nachkriegsjahre von einer vaterlosen Generation gesprochen. Als Sie sich als "wurzellos" definiert haben, hieß das für Sie auch "vaterlos"?

Treichel:

Na ja, also, thematisiert wird in den Texten schon, wie Sie richtig sagen, dieser autoritäre lieblose Vater, der aber auch verletzt ist. Es taucht ja auch manchmal auf, dass er einen Arm nur hat. Also, hinter dieser patriarchalischen Geste steckt natürlich auch eine Schwachheit eine Verletztheit. Insofern ist es also eine sehr ambivalente Erfahrung. Als vaterlos habe ich mich nicht empfunden, weil ich einen Vater, auch einen starken Vater hatte. Aber ich habe immer einen Bruch gespürt, und er gehörte natürlich zu der Generation von Menschen, die gepanzert waren, die ihre Kinder nicht an sich herankommen lassen. Da gibt es ja zum Beispiel eine Stelle im letzten Buch , wo stand, dass ich den Körper des Vaters nicht kannte. Das ist, glaube ich, die prägende Erfahrung: ein Patriarch, der verletzt ist und zugleich unnahbar, aber auch, eine gebrochene Figur, deren Schwäche man auch spürt.

R.M. :

War er auch im Krieg?

Treichel:

Ja, in Russland. Er hat in Russland den Arm verloren. Er war nur kurz Soldat und von der politischen Gesinnung her ein Sozialdemokrat.

R.M. :

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze entstanden und woraus lässt sich Ihr Hang zur Oper erklären?

Treichel:

Ich habe ihn über einen Freund kennengelernt und habe so in seinen verschiedenen Werkstätten kleinere Sachen gemacht: in Montepulciano diese "Burattini Oper" , in Österreich auf einem Festival. Und bei der Bearbeitung von einem Lehrstück von Bertolt Brecht, hat mich Henze irgendwann gefragt, ob ich für ihn ein Libretto schreiben möchte. Ich hatte vorher eigentlich zur Oper gar keine intensive Beziehung, das ist eigentlich durch die praktische Arbeit entstanden. Ich war eher der Popmusik verbunden.

R.M. :

Berlin spielt in Ihren Werken eine sehr wichtige Rolle. Das Gedicht "Halbes Liebeslied für Berlin" zeigt eine noch getrennte Stadt, obwohl der Gedichtband nach der Wende erschien. Auch wenn das lyrische Ich die negativen Aspekte des Westens entdeckt ("hier kaue ich Pflastersteine"), wird das Leben im Osten als unmöglich dargestellt: "woanders wär ich tot". Man spürt hier ganz deutlich die Wunde, die der Gang der Geschichte hinterlassen hat. Was hat für Sie als Intellektueller die Mauer signalisiert? Und warum hätte das lyrische Ich auf keinen Fall im Osten leben können?

Treichel:

Ja, also Westberlin war ja für viele junge Menschen in den 60er und 70er Jahren sehr attraktiv. Und das ging gar nicht darum, nicht im Osten zu leben, denn diese Frage hat sich ja auch gar nicht gestellt, die Möglichkeit gab es ja gar nicht. Die Mauer war eher eine wichtige Grenze zum Westen, zu Westdeutschland. Ich und viele andere sind auch nach Berlin gegangen, um nicht in Westdeutschland zu sein. Das war eigentlich sehr wichtig, denn Westdeutschland war die Provinz, das war eigentlich die provinzielle Enge, und Berlin war so ein Biotop für politische und kulturelle Entwicklung und man hatte eine gewisse Freiheit. Paradoxerweise, hatte dieses eingemauerte Westberlin zugleich auch eine bestimmte Freiheit. Dazu gehören nicht zuletzt auch die alternativen Lebensformen, Kreuzberg war immer so das Symbol dafür, und das war eigentlich das Besondere, auch neben den Studentenbewegungen. Die Mauer war insofern also auch ein Schutz vor der eigenen Kindheit, vor der eigenen Vergangenheit. Ich habe gerade darüber geschrieben, für Vorlesungen die ich im Januar in Frankfurt halte , was die Mauer bedeutet hat. Da habe ich geschrieben: "Ein Anti-westfälischer Schutzwall".

R.M. :

In den Gedichten "Moderne Zeiten" und "Im Harz" deuten Sie die Wende als Täuschung an. Was hat die Wende für Sie bedeutet?

Treichel:

Wenn ich das jetzt ganz persönlich sagen sollte, dann war es für mich natürlich erst mal, das ist jetzt keine politische Antwort, der Verlust Westberlins, der Verlust einer bestimmten Lebenskultur für Studenten und Intellektuelle. Politisch gesehen natürlich, ist jetzt wieder alles ein Gebiet, aber vom Lebensstil, von der Lebensatmosphäre war es natürlich das Ende einer bestimmten Lebensform des Westberliners.

R.M. :

Ich habe den Eindruck, Ihre Arbeit als Librettist ist weniger bekannt. Nicht alle Ihrer Libretti sind im Handel und manchmal, wie zum Beispiel "Aus der Zeit des Schweigens", wurde nur eine begrenzte Zahl davon gedruckt. Aber diese Werke sind nicht weniger schön oder bedeutend als die literarischen. Selbst wenn sie als musikalisch theatralische Ereignisse selten zu sehen sind, so bleiben sie dennoch als dichterische Werke sehr interessant. Besteht für Sie ein Unterschied in der Arbeitsweise als Autor und als Librettist?

Treichel:

Der Unterschied ist auf jedem Fall, der, daß man als Librettist der Diener seines Herrn ist und der Herr ist der Komponist. Das ist völlig klar, man macht eine Serviceleistung im Auftrag für andere und je selbstbewusster ein Komponist ist - und Henze ist ja ein selbstbewusster Komponist - je genauer bekommt man auch gesagt, was für Erwartungen da sind. Von Henze wurde ich nicht vertont, sondern ich habe für seine schon im Kopf formulierten Strukturen Texte geschrieben. Das ist aber auch nicht unbedingt ein Nachteil, das hat seinen eigenen Reiz. Aber man ist wirklich ein bisschen am Service für den Komponisten. Der Autor arbeitet natürlich, der Gedichtesschreiber oder Prosaschreiber, komplett auf eigener Suche und er steht für sich. Und der Librettist bleibt immer ein bisschen im Schatten. Es kommt vor, dass das dann immer ganz vergessen wird, wer die Libretti geschrieben hat. Es gibt Aufsätze über die Oper, die ich mit Henze gemacht habe, da taucht mein Name gar nicht auf. Dass kann passieren, das ist ein bisschen das Schicksal der Librettisten, daß sie irgendwann vergessen werden. Und wer kennt schon heute die Namen von Librettisten? Wer hat "La Traviata" geschrieben, wer weiß das schon? Aber "La Traviata" kennt jeder.

R.M. :

Hätten diese Werke auch als eigenständige literarische Werke veröffentlicht werden können?

Treichel:

Nein, als literarisches Genre finde ich, daß sie selbstständig nicht existieren können, dann wären sie schlecht, wenn man sie selbstständig betrachten würde, es fehlt vieles und sie sind zum Teil von der Form her sehr abhängig, ja von der musikalischen Form. Ich würde nie so ein Theaterstück schreiben. Ich wurde bestimmte Texte so als Gedicht nicht schreiben, weil sie manchmal rhythmisch anders gebaut sind. Ich kann Noten lesen, aber ich kann nicht Partituren lesen, ich höre jetzt nicht die Musik, wenn ich Partituren lese. Aber man muss ein musikalisches Gefühl haben, ein Gefühl für dramaturgische Dinge, für Spannungen, für Stille und für den Wechsel von Stimmungen.

R.M. :

Ich zitiere aus der "Neuen Zürcher Zeitung" (15.10.86): "Treichel zeigt Distanz [...]vor allem durch ein neues Verwenden alter Mittel der Lyrik, die man bereits aus der Mode gekommen glaubte: Reim und Rhythmus". Ihre Gedichte sind oft von einer außergewöhnlichen Musikalität charakterisiert, wurde dieses Verwenden der literarischen und stilistischen Mittel auch von Ihrer Erfahrung als Librettist inspiriert?

Treichel:

Es ist eigentlich wirklich so, dass man ja auch beim Schreiben ein musikalisches Gefühl braucht, Musikalität im weiteren Sinne, und das ist das Entscheidende.

R.M. :

Es gibt aber sogar auch viele moderne Autoren, die diese Stilfiguren überhaupt nicht verwenden.

Treichel:

Ja das stimmt, also das ist eine Entscheidung. Entscheidung weiß ich gar nicht, aber ja es hängt vom Temperament ab. Für mich hat Lyrik auch viel mit Musikalität zu tun, wenigstens - es muss kein Endreim sein - aber wenigstens mit einer rhythmischen Konstruktion.

R.M. :

Seit 1994 ist kein Gedichtband von Ihnen mehr erschienen. Man könnte denken, daß Berlin Ihre Inspirationsquelle war.

Haben Sie die Lyrik zur Seite gelegt oder werden zukünftig wieder Gedichte von Ihnen veröffentlicht? Schreiben Sie gerade an einem neuen Werk? Was haben Sie in Zukunft vor?

Treichel:

Ich habe in letzter Zeit mehr Prosa geschrieben, das stimmt, früher habe ich auch richtig ein halbes Jahr, nur an Gedichten gearbeitet, um einen neuen Band zu schreiben, und nach fünf Gedichtbände, hatte ich irgendwie auch das Bedürfnis Prosa zu schreiben, weil man bestimmte Dinge hier und da auch nur erzählen kann. Aber ich schreibe weiter Lyrik, es dauert nur länger, weil ich andere Sachen mache. Ich habe jetzt gerade einen Roman fertig geschrieben, der nächstes Jahr erscheint, aber ich sammle meine Gedichte und hoffe, dass irgendwann ein Gedichtband fertig ist.

R.M. :

Und wie ist der Titel des neuen Romans?

Treichel:

Der handelt von Musik und auch von einem jungen Menschen, der einen Komponisten kennenlernt und heißt Tristanakkord.

R.M. :

Welches sind, Ihrer Meinung nach, die Eigenschaften der zeitgenössischen Dichtung und Literatur? Wie stellen Sie sich die Literatur der Zukunft vor?

Treichel:

Ja das ist eine sehr allgemeine Frage, fast seriös nicht zu beantworten. Ich glaube, dass die Literatur vielstimmig, polyphon bleibt. Kritiker auch Germanisten, haben ja immer das Bedürfnis Strömungen zu definieren - neue Subjektivität, neue Sensibilität, Postmoderne - was auch immer, und ich freue mich eigentlich immer, wenn es nicht gelingt; das ist zwar unpraktisch für die Germanisten, aber ich finde, dass die Gegenwartsliteratur im Moment relativ viele Stimmen hat. Es ist gerade die Tendenz, es gibt wieder das neue Erzählen, eine Zeitlang hat man gesagt, zu abstrakt, reflektierend, jetzt redet man von neuen Erzählen, aber das stimmt vielleicht so ganz auch nicht. Wenn man nahe am Literarbetrieb ist, sieht man da sehr viele Einzelstimmen, und das ist eigentlich für mich das Spannendste daran. Es wird nie die Literatur der Zukunft geben, es wird immer zukünftige Autoren geben, die bei allem was jetzt neu sein wird, das Internet wird nie den Autor ablösen und der Kollektivroman wird auch nicht das individuell geschriebene Werk ersetzen. Die Literatur der Zukunft wird nur neue Möglichkeiten hinzubekommen, wie zum Beispiel auch Textformen, die über neue Medien vermittelt werden oder sogar darin entstehen, aber das wird dann parallel sich dazu entwickeln, aber es wird nicht entscheidend anders verlaufen als bisher, weil es hängt am Ende doch sehr viel von der individuellen Psyche des einzelnen Autors ab.

R.M. :

Ich bedanke mich sehr für dieses Interview. Ich wünsche Ihnen noch viele preisgekrönte Werke und Erfolg und ich freue mich schon auf Ihre nächsten Veröffentlichungen. Meine letzte Bitte an Sie: Würden Sie so nett sein, mir etwas aus Ihrem Werk vorzutragen?

Treichel:

Was soll ich Ihnen vortragen? Ein Gedicht?

R.M. :

Was Sie möchten

Treichel:

Dann lese ich Ihnen ein Italiengedicht vor. Man hört nicht heraus, dass es Süditalien ist, aber es erinnert an Italien, es ist glaube ich, auch dort entstanden, es heißt: Sommernacht .

Sommernacht

Die Fledermäuse stürzten
schwirrend hinab, die Wolken
versprachen ein großes Gewitter,
ich machte mich klein vor dem Mond,
vor den Bäumen, eine Katze hockte
im Gras, wir sahen uns Auge in Auge
wie furchtbare Fremdlinge an.

R.M:

Ich bedanke mich sehr für das Gespräch.


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