:: quaderni di poesia tedesca
«« torna all'indice


INTERVISTA A INGO SCHULZE

L'intervista pubblicata qui di seguito è stata condotta dalla Prof. Anna Chiarloni nell'ambito degli incontri con l'autore presso l'Università di Torino (marzo 1999).

Abbreviazioni:
Ch: = Anna Chiarloni
A: = Autore/ Ingo Schulze
Z: = Zuhörer/ pubblico
( ) = in parentesi gli aiuti alla lettura dell'intervista

Ch: Wie wollen wir heute verfahren? Wir werden vielleicht auch das erste Buch ein bisschen besprechen. Ein wichtiges, schönes Buch. "33 Augenblicke des Glücks". Und dann wollen wir am Text arbeiten.
Das erste Buch, "33 Augenblicke des Glücks", Untertitel: "Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen eines Deutschen in Piter."
Kannst Du uns vielleicht diesen Untertitel etwas erläutern?

A: Zunächst. Ich bin auch sehr glücklich, dass ich hierher eingeladen worden bin. Somit ist dies mindestens beiderseitig, denn der Ruf von Turin, dass hier etwas passiert in Bezug auf neuere Deutsche Literatur, dass ist nicht nur in Turin bekannt, sondern auch in Deutschland, und ich war sehr froh, als ich die Einladung bekam. Dieses erste Buch ist 1995 erschienen und der Hintergrund war - ich denke immer, dass der Hintergrund zwar wichtig ist, aber dann für das Buch nicht eine so ganz große Rolle spielt - ich bin 1993 für ein halbes Jahr nach St. Petersburg gegangen und habe dort das erste Anzeigenblatt von St. Petersburg aufgebaut. Ich bin als Ostler in der Rolle eines westlichen Geschäftsmannes nach Petersburg gefahren.

Ch: Bist Du zum ersten Mal nach Russland gefahren?

A: Nein, ich komme ja aus Ostdeutschland, aus der DDR und da war es so, dass wir sehr oft in die Sowjetunion gefahren sind. Ich war relativ oft in Leningrad. 1983, 84 und dann das letzte Mal im Sommer 1989 in Leningrad. Ich weiß nicht - Sie sind ja auch sehr sehr jung - inwieweit sie sich an diese Zeit erinnern, bzw. etwas über diese Zeit wissen. 1989 im Juni war ja das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und die Führung in der DDR hatte das für sehr gut befunden, was die Chinesen dort gemacht haben. In der DDR war die Atmosphäre insgesamt nicht gut, und spätestens seit 1985, seit Gorbatschow der Chef in der Sowjetunion war, war dort ein Aufbruch spürbar, und diesen merkte ich natürlich 1989 in Leningrad sehr sehr deutlich. Also, was wir da von der Kunst her, was wir für Videos sahen, was für Fernsehdiskussionen waren. Mein Russisch ist leider nicht so gut, aber wir waren wie elektrisiert und saßen dann immer vor dem Fernseher und konnten das alles gar nicht glauben, was da passierte. Das war also im Sommer 1989, und dann kam ja im Herbst 1989 diese kleine Revolution, und als ich dann Ende 1992 das erste mal wieder nicht mehr in die Sowjetunion und nicht mehr nach Leningrad, sondern nach St. Petersburg, das hatte also den ursprünglichen, alten Namen wiederbekommen, zurückkam, da hatte sich die Welt so einmal für mich gedreht. Ich bin da hingegangen, um diese Zeitung zu machen. Ich hatte nicht vor, darüber ein Buch zu schreiben. Ich fand, es gab immer viel zu viele Bücher über so, man war mal eine Woche dort und schreibt dann ein Buch darüber und hab dann erst in den letzten Wochen, die ich in Petersburg war, also so Ende Mai/ Juni, mit ein paar Skizzen begonnen. So wie manche Leute photographieren oder Ansichtskarten kaufen, so habe ich versucht, mir ein paar Notizen zu machen und mitzunehmen, und daraus entstanden dann die ersten Geschichten oder Kleinerzählungen. Und ich merkte einfach die Dinge, die in der DDR so innerhalb eines Jahres so vom Tisch waren. Noch 1989 hat man den vierzigsten Jahrestag der DDR vorbereitet, und kein Jahr später war es schon das vereinigte Deutschland. Also wirklich ein Prozeß, in dem sich die Welt innerhalb eines Jahres gedreht hatte. Das war so schnell passiert, dass man kaum zum Reagieren kam. Anfangs hat man noch agiert, dann kaum mehr reagiert und zu so einem Übergang von einem wie auch immer real existierenden Sozialismus zu einem wie auch immer real existierenden Kapitalismus, Marktwirtschaft, wie auch immer, dass sah ich in Russland noch einmal viel langsamer und viel extremer, die Extreme waren größer und viel näher beieinander. Also wenn Sie so über den Netscape Prospekt, also so die große Hauptstraße, die ja auch in der russischen, sowjetischen Literatur sehr präsent ist , da hatten sie also ökonomisch, den alten Staatsladen, daneben von Lacon eine Boutique, daneben einen russischen Losverkäufer, einen Schuhputzer, sie hatten von den religiösen Dingen alles nebeneinander, also von den orthodoxen, den katholischen Missionaren, den Hare Krishna Jünger, sie hatten politisch, innerhalb von 500 Metern oder einem Kilometer vom National, bis hin zum Faschistischen, die Royalisten, die Kommunisten, die Demokraten und was es da an Spielarten gibt. Jetzt komme ich auf die Frage zurück, ich bin kein Russe, und für mich war es immer wichtig zu sagen, ich gucke natürlich von außen. Mir ist das System etwas vertraut gewesen, oder vielleicht sogar sehr vertraut gewesen, weil die DDR sehr von der Sowjetunion geprägt war, und trotzdem war natürlich der Blick von außen, und wenn man von außen kommt, dann fällt einem manchmal mehr auf, als Einheimische sehen, weil es halt alltäglich ist. Vieles merkt man aber auch nicht, wenn man von außen schaut und deshalb hat dieses Buch, oder auch deshalb hat dieses Buch ein Vorwort, in dem eigentlich erklärt wird, wie ich zu diesem Manuskript gekommen bin, da spielt einmal dieser Hofmann, nur mit einem f geschrieben eine große Rolle, und durch dieses Vorwort wird, hoffe ich, eine Situation glaubbar gemacht. Es sind eigentlich von sehr vielen Leuten, die in Russland gearbeitet haben, Texte geschrieben worden, und mir war es auch wichtig zu sagen, auch wenn in dieser Erzählung nur Russen eine Rolle spielen, ist es immer auch der Blick von außen, das war für mich wichtig, das deutlich zu machen, also es sind abenteuerliche Aufzeichnungen eines Deutschen in Piter, und Piter ist eigentlich auch eine etwas gewagte Bezeichnung für eine Stadt.

Ch: Das italienische Publikum im allgemeinen weiß nicht viel über Russland, und ich finde das Buch sehr wichtig und interessant, teilweise ist es auch lustig. Es gibt ja gerade diese Mischung, die Welt nach der Wende, die Wirklichkeit nach der Wende, was dort so alles passiert ist. Ich finde es sehr schön, wie Du diese Extreme beschreibst. Auch eine gewisse Leidenschaft und Großzügigkeit der russischen Seele, aber das man gleichzeitig auch eine Welt sieht, die sehr zurückgeblieben ist. Ich denke z.B. auch an die Geschichte mit Serjoscha und Pawel, wo es ja Anfänge von alltäglichem Faschismus gibt. Eine Situation, in der auch eine gewisse Gewalt zu spüren ist und übrigens, wo die Frauen dann auch mitmachen. Am Ende, wo sie sagt "Komm mein Hitler", das ist ja...

A: Ja, es ist immer sehr schwierig, wenn man das Eigene versucht zu erkennen, aber für mich war es natürlich, das habe ich jetzt noch gar nicht gesagt, als Deutscher eine ganz besondere Situation, nach St. Petersburg, ehemals Leningrad, zu kommen. Ich weiß nicht, inwieweit Sie das wissen, aber während des zweiten Weltkrieges ist Leningrad fast tausend Tage belagert worden, die Deutsche Armee hat die Stadt praktisch abgeschnitten von der Außenwelt. Es gab einen kleinen Weg über einen See und Stalin und ich meine, dass muss man dann auch noch dazusagen, hatte das militärisch ganz schlecht vorbereitet, so, dass also in den ersten Kriegstagen die Leningrad unmittelbar betrafen, auch gleich die ganzen Lebensmitteldepots kaputt gingen. Die Experten streiten sich, ob da 1.000.000 oder 1.200.000 Menschen umgekommen sind, und ich meine das war 1942/43/44, als ich da hinkam 1993 gab es da natürlich noch Leute, die sich daran noch gut erinnern konnten. Es ist eine Geschichte über eine Pförtnerin da, und plötzlich fängt sie an Deutsch zu sprechen. Am Anfang sagt man, "Ist ja schön, dass sie Deutsch können, wo haben Sie das denn gelernt?", denn ich dachte in der Schule oder so, und dann sagte Sie "Im Lagerje", also im Lager, in einem Internierungslager, Konzentrationslager, und das war natürlich immer eine ganz, ganz besondere Sache, die da immer mit in der Luft lag und andererseits das für Russen - ich hab' das in der Kunst gesehen- dass eine ganz unmittelbare Beziehung, eine fast persönliche Beziehung, natürlich auch im negativen Sinne, zu Hitler besteht, so ist dieses Kapitel dann auch entstanden, also es gibt viele Erzählungen, in denen Hitler unmittelbar als Person eine Rolle spielt, aber das ist so eine komplizierte Sache, da müßte man jetzt die Geschichte vorlesen und überhaupt, das ist schwer, das so en passant abzuhandeln.

Ch: Das war vielleicht das richtige Stichwort, um vom ersten Roman zu unserem zweiten Teil zu kommen. Was ich heute sehr schön finde, dass ist hier wie ich schon sagte, diese Beschreibung der Situation, so 90er Jahre, wo übrigens auch Figuren von deutschen Geschäftemachern drin sind, so Leute, die dann das neue Geld sozusagen machen , diese vielfältige Beschreibung finde ich sehr wichtig und auch wie gesagt, also das Buch wird in Italien auch erscheinen und ich glaube das ist sehr wichtig, auch für das italienische Publikum. Es gibt ja mehrere Figuren, vielleicht eine Verbindung zwischen beiden Romanen, können wir finden, wo Du von diesen alten Genossen sprichst, also der da in einer kleinen Wohnung. Sind wir in Moskau hier?

A: Nein, wir sind in Petersburg.

Ch: Die leben jetzt ein bescheidenes Leben, und der alte Semjon ist so ein alter Mann, der nach Wodka riecht und es gibt ja, ich glaube, eine gewisse Ähnlichkeit mit der Figur von Ernst Meurer, obwohl jetzt, das ist mehr die ältere Generation.

A: Das ist jetzt sehr schön, also an so etwas habe ich noch nie gedacht, aber das sind natürlich Sachen, also ich sag' einmal, ein Text ist immer klüger als der Autor, und das ist so, wenn jeder kommt mit seiner Erfahrung da ran, und ich find diese Beziehung sehr schön, die du da aufzeigst, also ich müsste da jetzt ein bisschen darüber nachdenken, um da mehr zu sagen. Mich interessierten sehr diese Leute, die an etwas geglaubt hatten, und dann sind sie in der DDR eigentlich von einem Monat auf den anderen, oder da war es ein Zeitraum von Wochen oder höchstens Monaten, und in der Sowjetunion in Russland von, na ja, ein paar Jahren, aber denen ist so Ihre ganze Welt zusammengebrochen.

Ch: Ich möchte gern vielleicht, dass Du diese Stelle liest, das ist die Frau von Ihm, die spricht. Das ist die alte Frau, also die Frau von diesem Genossen, die jetzt spricht.

A: Ich kann's also versuchen. (A liest aus "33 Augenblicke des Glücks", S. 161)

" Wenn wir davon sprachen, dass das sozialistische Staatensystem vorerst der einzige Fuß ist, den wir in die Tür des Kapitalismus bekommen haben, dann war das für mich mehr so eine Art Würdigung, verstehen Sie? Als wollte man uns sagen. Der Kampf geht weiter, Ihr tragt jetzt das Banner, auf euch kommt es an; und plötzlich erhebt die Reaktion mit einem mal ihr Haupt. Für uns soll kein Platz mehr sein und alles umsonst? Er leidet so darunter, helfen sie ihm, ich flehe sie an, Aljoscha Sergejewitsch. Helfen Sie ihm und uns. Sagen Sie ihm, dass es nicht umsonst war und dass der Kampf weitergeht, ich flehe sie an, Aljoscha Sergejewitsch."

Es ist doch mal an der Zeit, dass ich das mal Korrektur lesen lasse.

Ch: Das meinte ich, da sind ja die alten Parolen, die ja irgendwie geblieben sind, und diese Generation sagt natürlich," Spielt keine Rolle mehr", und da sehe ich eine Verbindung mit Ernst Meurer, der dann also durch diese Straße der Werktätigen läuft, also das ist jetzt die alte sozialistische Welt, die inzwischen verschwunden ist, und wir kommen jetzt zum zweiten Roman.

A: Ich möchte noch schnell eine ganz kurze Sache hieraus vorlesen, ein ganz kurzes, das ist das allerkürzeste Kapitel hieraus (A liest vor, S. 72).

" Iwan Toporyschkin, der Vater, gibt für alle Gäste am Tisch die Bestellung auf. Plötzlich sagt der Kellner. >>Das schmeckt aber nicht<<.

Wer am Tisch sitzt, sieht zu ihm auf.

>>Das schmeckt nicht<<, wiederholt der Kellner und wechselt mit jedem einzelnen Gast, einschließlich Iwan Toporyschkin einen Blick.

Iwan Toporyschkin, der Vater, zeigt noch einmal auf das Gericht mit der Nummer 3012 und sagt: >>Ich will's<<.

>>Das schmeckt aber nicht<<, sagt der Kellner zum dritten Mal, notiert sich Nummer 3012 und geht ab in die Küche. Jetzt beginnen alle Gäste, einschließlich Iwan Toporyschkin, des Vaters, zu lachen. Sie lachen so sehr, dass Ihre Gesichter die aufgestellten Servietten an den Spitzen berühren und der Geschäftsführer geholt werden muss.

>> Das schmeckt nicht<<, prustet Iwan Toporyschkin, der Vater, los, und wieder berühren alle die Servietten vor ihnen.

>>Eine Unverschämtheit<<, sagt der Geschäftsführer. Schließlich kommt aber alles heraus und der Kellner wird gerufen und entlassen.

Das Essen einschließlich Nummer 3012 bringt eine Kellnerin.

>>3012 schmeckt nicht<< sagt Iwan Toporyschkin, der Vater, legt Messer und Gabel zurück auf den Tisch und greift zur Serviette. Der Geschäftsführer wird gerufen und der Kellner wieder eingestellt.

Aus Geschichten wie dieser schöpfe ich jedes Mal neuen Mut."

Ch: Du hast eine sehr direkte Schreibweise. Du warst damals 33, glaube ich, knapp 33.

A: Ja, als es erschienen ist, war ich so Anfang 30, und hier ist eben, das ist auch, nur noch das eine, also Petersburg ist wirklich gepflastert mit Literatur, also man findet da keinen Quadratmeter, der nicht irgendwie in der Literatur vorkommt. Iwan T. ist eines der Pseudonyme von Daniil Charms, der ist also ein ganz, ganz wichtiger Schriftsteller. Ich weiß nicht, inwieweit es ihn auf italienisch gibt, aber es ist so, man lacht und weint, er ist so 42 im Gefängnis verhungert, weil sie damals auch außerhalb des Gefängnisses verhungert sind; auch die ganze jüngere russische Literatur stützt sich auf ihn. 30.12. ist sein Geburtsdatum und also da sind sehr viele Anklänge an ihn. Am Ende des Buches wird das noch ein bisschen, aber es wird nicht alles erklärt (vgl. die Anmerkungen des Herausgebers am Ende des Romans).

Ch: Also das ist eine Hilfe. A propos Hilfe. Im zweiten Roman finden wir kurze Zusammenfassungen. War das ein Vorschlag des Verlegers?.

A: Nein. Im ersten Buch sind die Geschichten, also die Erzählstile sehr, sehr verschieden, also da kann man nicht von einem auf den anderen schließen und ich habe einfach die Hoffnung, dass ich einen Erzählstil am anderen relativiere. Also, dass man etwas erzählt, und gleich im nächsten Moment bekommt man mitgeliefert, man kann auch ganz anders erzählen, also wenn Sie einen Filmdialog auf eine Märchenerzählung stoßen lassen und so bei dem zweiten Buch ist ja doch der Versuch zumindest, nicht innerhalb eines Stiles zu bleiben, also eines mehr oder minder realistischen Erzählens, dass sehr knapp ist, also doch an der short story orientiert. Da dachte ich, gegen dieses sich Einfühlen muss man eine kleine Schwelle, einen Stolperstein bauen und da dachte ich mir, dann bring ich vor jeder Erzählung so eine Schwelle, dass ich sage, also man kann auch ganz anders darüber berichten, und dass man mitliefert, wie die eigene Relativität des Erzählens ist. Also ich sag', ich erzähl' euch jetzt etwas, dass kann aber auch ganz anders sein.

Na, und dann war's natürlich auch ein bisschen schwer, das stellte sich aber im Nachhinein heraus für das Herstellen des Zusammenhangs.

Ch: Was uns auffällt, das ist ein kleiner Fehler, den Du im Titel gestellt hast. Also simple storys.

A: Nein, das ist kein Fehler. Ich hab' sehr viele Briefe von Deutsch- und Englischlehrern bekommen. Die einen klagten darüber, dass ich einen englischen Titel nehme und die anderen sagten, wenn sie schon einen nehmen, dann schreiben Sie den auch noch falsch. Also blieb das deutsche Wort simpel, z.B. eine simple Angelegenheit. Das ist also zum einen Deutsch und wenn Sie in dem Duden gucken, dann werden Sie das Wort Story darin finden. Also wenn man jetzt irgendwie versucht, das jetzt deutsch oder möglichst noch sächsisch auszusprechen, dann kommt man auf schtori und der Plural von schtori deutsch ausgesprochen, steht im Duden, ist ys, sowie Babys oder Ponys, wird auch -ys geschrieben. Ja, also ich meine, ich renn' da nicht jedem hinterher, der das anders ausspricht, aber sagen wir mal, bei meinem didaktischen Zeigefinger sollte das bedeuten >>Sprecht es deutsch aus, also simple Schtories<< und in der englischen Übersetzung erst darf man dann sagen simple storys.

Ch: Kommen wir jetzt zur Unterschrift: " ein Roman aus der ostdeutschen Provinz". Du hast dir eine kleine Stadt gewählt, also Altenburg. Warum eigentlich?

A: Na ja, es ist ja nicht so, dass man sagt, worüber schreib' ich und das wähl' ich mir jetzt aus, man kann ja, glaub' ich, doch nur über etwas schreiben, was man kennt.

Ch: Entschuldige, du bist aber in Dresden geboren und in Jena hast Du studiert.

A: Ja, aber dann bin ich...

Ch: Klassische Philologie.

A: Das darf man ja gar nicht laut sagen.

Ch: .. eine gute Ausbildung für einen Schriftsteller.

A: Und ich habe dann am Ende meines Studiums alle Theater in der DDR angeschrieben, da gab es in diesem kleinen Ländchen etwas über 40 Theater und von denen, wo es eine Möglichkeit gab anzufangen, war Altenburg die beste Möglichkeit. Denn das war eine Stadt von damals circa 50000 Einwohner und hatte ein sogenanntes Drei-Sparten-Theater, also für so 'ne kleine Stadt, Oper, Ballett, Schauspiel und das dachte, es ist klein, da versuch ich anzufangen. Bin im September 1988 nach Altenburg und bin erst Ende 1992 von da wieder weg, eben nach St. Petersburg und das ist natürlich sehr gut, also ich kannte Altenburg vor 1989 und kannte es danach, und kannte es übers Theater, kannte es vom Demonstrieren her, und wir haben dann angefangen eine Zeitung zu gründen, ein Wochenblatt mit Freunden zusammen, und da traf man Leute, mit denen man sonst nicht zusammengekommen wär' und fragte auch mal mehr nach, als man vielleicht so im alltäglichen Leben auch höflichkeitshalber aufhört zu fragen, und also, das war das Einzige was ich so ein bisschen kannte, also ich hätte vielleicht auch lieber über Berlin oder etwas geschrieben, aber das kannte ich nicht ja und dann dachte ich, warum soll ich jetzt eine Stadt erfinden, da hab ich mir auch für dieses Buch eben die Amerikaner ein bisschen zum Vorbild genommen, die sagen: " In dieser Stadt, zu der und der Zeit", am besten noch die Uhrzeit. Da hab' ich gedacht, das versuch' ich jetzt auch so. Mir geht's schon auch immer darum, etwas zu sagen, über einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, zu sagen. Man erzählt sowieso immer nur die alten Geschichten über Liebe und Tod und das was ich aber weiß, also mehr weiß als die ganz großen Autoren, das ist jetzt zu dieser Zeit an dieser Stelle.

Ch: Dazu kommt auch die Tatsache, dass Du eigentlich drei Generationen besprichst, so beschreibst. Es gibt ja die Generation von denen, die für dich Väter sind, also Leute die knapp 50 sind, die sind ja fast alle arbeitslos inzwischen nach der Wende und dann gibt es die Leute, die um die 30 sind, wie Du und dann noch eine weitere Generation, abgesehen von den Kindern, die Generation von Reinhardt, und da lernt man schon den Unterschied, also kleine Unterschiede und es sind ja fast alle Ostleute, abgesehen von Harry Nelson und Reinhardt, und dazu kommt die Tatsache, dass Du in einem Kapitel schreibst, wie der Vater von Martin, also der Vater der ersten Generation, in den Westen gezogen ist, aber schon früher, 1968 glaube ich. Also, es entsteht ein Bild, das eigentlich wie eine Großfamilie aussieht. Wie war es in Deiner Wahrnehmung? Also Leute, die nach Westen gezogen sind und die nicht mehr erscheinen, z.B. der Vater von Martin, der geht nach Westen und hier beschreibst Du auch München, und ich fand auch die Stimmung im Café sehr echt, sehr sehr.......pathetisch.

A: Es gibt ja bei einem Buch nicht nur Vorteile, sondern auch Mängel, und ich empfinde es, ja also das soll jetzt nicht kokett klingen, aber wenn ich so mein Alltagserleben von Altenburg angucke, da spielen Leute aus Westdeutschland eine viel größere Rolle eigentlich, als es in dem Buch ist.

Ch. Der Roman spielt nach der Wende.

A: Ja, nach 1989 und ich bin zweimal von einem Bänker regelrecht gerettet worden, glaube ich, also sonst wäre ich jetzt hoch verschuldet und so weiter. Mir ist da also sehr gutes wiederfahren, bin natürlich auch paar Mal übers Ohr gehauen worden, weil ich bestimmte Dinge nicht wusste. Also, es ist das Eine und auch das Andere, ja. Also es kommen sowohl die rüber, die wirklich sagen, "Ich will was tun und ich will was helfen", und es kommen auch die rüber, die sagen: "Mach' jetzt da 'n schnelles Geschäft." Für mich ist es immer sehr schwierig, über etwas zu schreiben - das betrifft jetzt nicht nur Leute aus dem Westen - , was ja immer dann auch so 'n Etikett ist, sondern beispielsweise auch die Staatssicherheit, oder Dinge, die sehr vordergründig sind, die kann man immer höchstens so am Rande mitberühren. Oder, um ein anderes Beispiel zu sagen, was das erste Buch betrifft, in Russland war ich sehr schockiert über einen ganz offenen Antisemitismus, also der, wo ich nach Luft schnappte, wo es mir aber auch nicht möglich war, darüber zu schreiben, das war so stark und es taucht am Rande manchmal auf, aber es ließ sich nie so ins Zentrum rücken, und so ist das auch mit diesen Dingen im ersten Buch, die eben auch nur so am Rande aufscheinen und ich meine, der leibliche Vater von Martin spielt einfach keine größere Rolle, weil er eben nicht in diesem Altenburg ist und er einmal ihn besucht und damit war's.

Ch: Dazu kommt auch der Perspektivenwechsel, der sehr interessant ist, also die Figuren. Der Autor lässt die Figuren erzählen und das Bild, das daraus entsteht, ist so ein vielfältiges Bild.

A: Also, ich denke, es gibt zwei Gründe für mich, warum das jetzt so geschrieben ist. Zum einen hoffe ich, das es wirklich nachvollziehbar ist, wie jemand eine Stadt kennen lernt. Oder wenn Sie etwa neu an der Universität sind und oder irgendwohin neu kommen, dann muss man sich das alles erst Mal neu zusammensetzen, also Name und Gesicht und wer gehört zu wem und dann vergisst man auch mal was und muss das wieder gesagt bekommen und so hoffe ich halt, dass die Leserin oder der Leser in dieses literarische Altenburg hineinkommt und sich das so zusammensetzen muss, und da gehört glaube ich auch das Vergessen wieder dazu und das man beim zweiten Lesen einem auffällt: "Ach, so ist das vielleicht!". Oder das man mal nachkucken muss. In beiden Büchern arbeite ich sehr mit der Form der Kurzgeschichte, das hängt für mich aber auch damit zusammen, dass meine zeitliche Distanz zu dem, was ich da versuche zu beschreiben, eine sehr kurze Distanz ist, dass ich mich also nicht zurücklehnen kann und sagen: "Ja, so war das". Also wenn ich jetzt über DDR in den siebziger Jahren schreiben würde, wär' eine ganz andere Distanz da, da würde es mir also viel schwerer fallen, so viel unmittelbarer zu sein.

Ch: Manchmal bleibt etwas irgendwie versteckt. Oder sogar, also wenn ich das sagen darf, also du führst den Leser auf einen falschen Weg. Z.B. die Geschichte mit Raffael. Raffael heißt der Taxifahrer, der Taxiunternehmer. Er sagt: >> Ich mache jetzt Schluss.<<

A: Er braucht bloß noch das Telefon. Also er möchte keinen unmittelbar dahaben. Das ist jetzt aber sehr übersteigert. Also er kappt die unmittelbare Kommunikation und geht dann aufs Telefon über, also er gibt sein Geschäft auf.

Ch: Das Problem der Werbung, der Anzeigen und so weiter , spielt hier im Roman eine große Rolle: Eine Zeitung kann nur leben, gerade in Italien, wenn die Werbung nicht fehlt. Das entspricht deiner direkten Erfahrung, du hast in einer Redaktion gearbeitet, nicht wahr?

A: Also, im Herbst 1989 habe ich in Altenburg die Mediengruppe des Neuen Forums geleitet, so nannte sich das, und dann haben wir, als es möglich war, mit Flugblättern angefangen, also das war alles..... Altenburg ist nah an Leipzig und ich war am 2. Oktober das erste Mal in Leipzig dabei und dann am 9. und als es plötzlich möglich war, etwas drucken zu lassen, haben wir das natürlich getan und hatten dann so eine Art Flugblattzeitung und haben Anfang Dezember 1989 überlegt, dass wir da eigentlich mehr machen müssten, weil wir uns vorstellten, dass dieser Übergang vom Sozialismus sehr viel länger brauchen würde, und das was wir tun können- wir waren keine Wirtschaftsexperten- wir können versuchen, ein bisschen Öffentlichkeit zu erobern, und auf so eine blöde Idee kommt man wirklich nur in der Provinz, und in dieser Zeit war eine völlige Fehleinschätzung der Lage, ja. Die Zeitung erschien zum ersten Mal so am 16. Februar, und da hatten wir gedacht, ja das Geld, das wird uns das Neue Forum gibt, oder irgendwelche anderen uns nahestehenden politischen Organisationen - und die hatten alle selbst nichts und fragten uns, ob wir Ihnen etwas geben könnten-, und so waren wir, ohne je eine Minute Betriebswirtschaft gelernt zu haben, plötzlich Unternehmer geworden und hatten am Anfang noch gesagt: "Ja nehmen wir da Anzeigen überhaupt mit rein?" Ich lese nie Anzeigen, mich interessiert das gar nicht und ein halbes Jahr später haben wir dann parallel dazu noch ein Anzeigenblatt gegründet, also das ging alles derartig schnell,und im Oktober 1989 hab' ich Demonstrationen organisiert, und im Oktober 90 saß ich eben im Vorzimmer eines Möbelhauses und wartete darauf, dass mein Mitbewerber, mein Konkurrent, da rauskommt, und ich dachte mir: "Welches Angebot kannst Du da machen?" Also das ging alles so schnell, und natürlich lernte man dann, während man es tat. Ja, und die Zeitung gibt es auch heute noch, also wir haben es immer irgendwie geschafft, aber rückblickend war es einfach unglaublich, dass es funktioniert hat und so viel Mist haben wir dann auch gemacht, und dann muss ich noch dazusagen, dass natürlich dann bei den ersten Wahlen am 18. März1990 - man gründet dieses Blatt, damit die SED nicht mehr an die Macht kommt- und plötzlich hat diese grinsende Ost- CDU gewonnen. Das waren die Leute, die noch im Oktober 1989 auf der anderen Seite des Tisches saßen, also mit dem ersten SED-Sekretär und mit dem Oberbürgermeister und so weiter und die haben plötzlich die Wahl wieder gewonnen, und das Neue Forum hatte glaube ich 2,7 Prozent. Das müssen Sie sich vorstellen, wie innerlich erst das Gesellschaftssystem wankt und wie sich dann innerhalb sofort die Fronten verschieben, und nun hatte man die ersten freien Wahlen seines Lebens und die Leute, wo ich eigentlich dachte, dass die sehr viel dazu beigetragen haben, dass es diese Wahlen gibt, die fallen dann sofort wieder hinten runter.

Ch: Ein Thema, das hier relativ oft vorkommt, sind die Schlägereien und Bandenkriege und so weiter. Da beschreibst Du die Situation einer Verunsicherung, also die Situation einer Jugend, die angeblich irgendwie ratlos ist, die Ihre Identität verloren hat.

A: Ja, also das ist ´ne Sache, da müsste man glaube ich sehr sehr lang darüber sprechen, weil man kann nicht sagen: "Weil's Arbeitslosigkeit gibt, gibt's jetzt das", also es wäre also viel zu einfach, das zu sagen. Also, zum einen ist es natürlich Literatur, und wenn ich dann gefragt werde: "Ja, ist es denn wirklich so niederschmetternd wie in Ihrem Buch in Ostdeutschland?", dann muss ich immer sagen, also weder die Buddenbrocks, noch Berlin Alexanderplatz oder so lassen einen unbedingt mit optimistischer Stimmung und wahrscheinlich auch zu recht. Also, es geht natürlich um Literatur, wo man gezwungen ist, bestimmte Dinge, die man vielleicht so im Alltag gar nicht sofort spürt, viel näher heranzuführen und da muss ich schon sagen, entspricht es meinem Gefühl, dass in einem latenten Gewaltpotential - das muss nicht mal rechts oder irgendwie sein - eine gewisse Aggressivität zu spüren ist. Also wenn zig Millionen Leute über 40 Jahre einen gewissen Status Quo, wenn man sich also schon an seine Klagen auch gewöhnt hat und wo es immer normal war, dass Leute in den Westen gingen, und wenn man sich an all diese Dinge so gewöhnt hat und plötzlich bricht etwas auf, und die Leute dachten, jetzt kommt Gerechtigkeit, und was kam war der Rechtsstaat, und das ist natürlich sehr sehr gut, also ich habe lieber einen Rechtsstaat als ein Recht, was man so gar nicht braucht, aber das war halt nicht, das was sie erwartet hatten, kindlicherweise, und alle wollten die D-Mark haben, aber jedem Kind konnte man erklären: "Wenn Ihr jetzt D-Mark haben wollt, dann wisst Ihr genau, Euer Betrieb, der arbeitet so 80 % für den Ostexport". Erstens brach der Osten als Wirtschaftsregion mehr und mehr zusammen und D-Mark konnten die schon gar nicht bezahlen. Also war jedem klar: "Da wo ich arbeite, das geht kaputt". Dieses Altenburg ist jetzt eine Extremsituation, aber da war innerhalb weniger Monate eine Arbeitslosigkeit, offiziell, von 25 - 28 % und die ist auch geblieben. Viele Leute, die Ideen hatten, die mobil waren, die jüngeren Leute, sind weggegangen und viele sind im Vorruhestand oder in Umschulungsmaßnahmen, so dass die eigentliche Rate bei 50% liegt. Also mittlerweile ist das Theater der größte Arbeitgeber, oder das Krankenhaus, also eins von beiden und alles, was an produzierender Industrie war, ist kaputt, und nun kann man sagen: "Na gut Leute, dann geht doch woanders hin". Aber erstens ist das nicht so einfach, dann hängt das auch vom Alter ab, also man kann nicht einem 55-jährigen Mann, also es ist schwer zu sagen: "Na, dann geh' doch weg", wenn man auch nie mit so einem Gedanken groß geworden ist.

Ch: Ich finde übrigens sehr interessant, wie Du genau auch gewisse Generationsunterschiede beschreibst. Zum Beispiel die Generation der Dreißigjährigen, die sind mehr oder minder auch arbeitslos, aber die fahren in die Ferien, da spürt man den Sozialstaat, also es gibt keinen Hunger sozusagen. Die Existenz ist gesichert. Wobei, bei Ernst Meurer, das ist die ältere Generation, da passiert eben was anderes. Nämlich man versteht das diese Figur, diese Generation, die hat sich so sehr mit der Arbeit identifiziert und auch mit jener Gesellschaft identifiziert, mit der DDR meine ich jetzt, dass er jetzt total zu Grunde geht. Auch die Gestik, die du hier beschreibst, spielt eine wichtige Rolle. Wie er sich in diesem Sommerhaus reduziert, also diese Art von Regression und dann weiter bis er ....

A: Ja, in der Psychiatrie landet.

Ch: Ja, genau. Das ist eine Figur, meine ich, die wirklich so echt ist und gleichzeitig spürt man da eine Sympathie, er ist eine sehr ehrliche Figur.

A: Ja, also, ich weiß gar nicht, ob so ein Ernst Meurer mit dieser Ehrlichkeit und dieser Hilflosigkeit in der Realität gibt. Was ich eben kannte und als kleiner Journalist verfolgt habe, da sind natürlich diese Leute gewesen , die in der DDR andere Leute rausgeschmissen haben; grade im Schuldienst ist das sehr viel passiert, wo man immer nicht weiß, kam das jetzt der Befehl noch von weiter oben und die Leute, die eben vor zehn, fünfzehn Jahren aus der Schule rausflogen, die kamen jetzt und fingen jetzt an zu erzählen und dann ist man so einer Sache natürlich nachgegangen und hat dann einen Artikel darüber geschrieben, und das waren ja auch alles kluge Leute, und das lies sich ja auch alles bestens belegen, und das waren sehr sehr erschütternde Geschichten, weil da also wirklich Leben kaputt gemacht worden sind. Das ist das eine und dann hat man natürlich so einen Artikel veröffentlicht und in so einer Kleinstadt gibt's ja keine Anonymität, oder kaum, und dann hab' ich mir überlegt: "Ja, mein Gott, der liest das jetzt, in vierzehn Tagen ist Ostern, oder in einer Woche, was ist bei denen jetzt zu Hause los?" und in einem Fall war ich dann richtig froh, dass ich den später noch mal auf der Strasse sah, dass der sich also nicht umgebracht hatte oder so, und beim Schreiben wurden mir diese Leute, gegen die ich im Alltagsleben vorgegangen bin, oder wo es vielleicht auch nicht richtig war, dass man das mal sagen musste, es gibt ja auch die anderen, denen viele Jahre kaputt gemacht worden sind, und plötzlich kam mir aber jemand der so hilflos ist, sehr sehr nahe. Also ich muss dazu sagen, die ganzen Figuren darin, die sind alle aus Konstellationen heraus entstanden. Also ich hab' mir jetzt nie überlegt, wie könnte der oder der aussehen, ich hatte immer eine Situation, und die Leute fingen dann an miteinander zu reden und dann begannen sie so ein eigenes Leben, und der Ernst Meurer ist mir eigentlich immer näher gekommen, einfach auch mit dieser Hilflosigkeit. Im Realen hab' ich so einen nicht getroffen, es kann sein, dass es den gab, aber ich war dann nie mehr so eng mit ihm zusammen, und das ist dann ja auch, plötzlich wenn einer völlig hilflos ist, das verleiht ihm dann ja auch wieder eine Würde, weil sehr viele, die mitgemacht haben, sind die jetzt wieder am besten mitmachen können oder das drückt sich auch sprachlich aus.

Ch: Ja, übrigens, es gibt ja hier eine Kurzgeschichte, ""Dispatcher". Nun, Dispatcher ist ein englisches Wort, aber sonst in Deutschland ein Beruf mit Tradition (Hochhuth, Grass).

A: Ja, ich weiß nicht, ob es englisch ist; keiner aus dem Westen verstand dieses Wort und wir dachten, gerade das ist eine sehr internationale Bezeichnung und fingen eben an, das zu erkennen. Also ganz wichtig ist es auch bei Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob. Der Protagonist ist bei der Eisenbahn ein Dispatcher, der regelt wie die Züge da zu fahren haben und wenn die Straßenbahn entgleist war, dann kam der Dispatcherwagen und so. Also es ist sehr schwer das zu übersetzen.

Ch: Kommen wir jetzt zu den Frauen im Roman. Marianne Schubert: Sie wirkt sehr positiv, sie hat auch eine Würde behalten.

A: Ja, es war meine Erfahrung, dass eigenartigerweise - also vielleicht würde das jemand auch anders sehen, aber es ist so mein Eindruck und ich hab mich auch mit Freunden drüber unterhalten- dass Frauen mit dieser Umstellung besser zurecht kamen, obwohl sie diejenigen waren, die als erste gefährdet waren. In der herkömmlichen Rolle mussten die Frauen auch arbeiten, also in der DDR war es völlig klar, Frau und Mann, haben eben alle gearbeitet und obwohl die, sagen wir mal, zuerst angegriffen wurden, oder ihre Arbeitstellen angegriffen wurde, sind sie diejenigen gewesen, die damit besser zurecht kamen. Vielleicht auch weil sie immer, ich rede jetzt von statistischen werten, viel mehr Verantwortung für die Familie hatten und dadurch immer noch einen Bereich zusätzlich, den eben die Männer im Vergleich nicht so hatten. Also ich bin nur bei meiner Mutter groß geworden und die war immer eine sehr gute Ärztin, aber Karriere hat die eigentlich nie interessiert, das war für sie eher eine Belastung und.....

Ch: Und übrigens, darf ich Dich unterbrechen, was wir auch bemerkt haben, dass diese Frauen, also jetzt die Dreißigjährigen, sind ja alle emanzipierte Frauen, also die arbeiten, oder die haben bis jetzt gearbeitet, aber die spüren auch eine gewisse Einsamkeit. Das heißt, ja eben, Karriere scheint nicht so wichtig zu sein aber viel mehr so, was die Gefühle betrifft. Das spürt man ab und zu.

A: Also ich will mich jetzt gar nicht so an der Deutung des eigenen Buches beteiligen. Für mich ist es interessant, wenn das gesagt wird.. Eine sehr bezeichnende Ziffer für mich ist, dass bei den Ehen, wo ein Teil aus dem Osten ist und der andere Teil aus dem Westen, ist es wohl so, dass bei über 90% der Ost-West Ehen der Mann aus dem Westen ist und die Frau aus dem Osten, und nur bei 10% der Mann aus dem Osten, oder weniger als 10% und die Frau aus dem Westen, und das hängt eben auch glaube ich sehr viel ganz trivial mit einer Sicherheit, ökonomischer, sozialer Sicherheit. Ich meine, die konnten ganz anders auftreten, bis hin zu Dingen, wie..., ich meine, ich bin nach 1989 oder erst 1990 das erste Mal in ein italienisches Restaurant gewesen, das erste Mal in ein griechisches Restaurant, zum ersten Mal in ein chinesisches Restaurant, und und und. Also das nur als ein Zeichen von fehlender Weltläufigkeit, und wir konnten ja nicht mal richtig gnocci sagen. Und dann kommt irgendjemand, - wir sind gerade am Überlegen den Trabant abzuschaffen, oder waren schon glücklich einen zu haben, ist jetzt sehr trivial, aber läuft ja manchmal so - und der weiß alles und hat schon alles gesehen und hat auch einen ganz anderen Hintergrund, und so was spielt, ich hab's oftmals sehr im Spaß gehört: "Dann such' ich mir eben einen reichen Zahnarzt", was natürlich immer so im Spaß auch ist, aber das spielt plötzlich eine viel größere Rolle. Andererseits sind Ehen zusammengefügt worden, weil die Frauen alleine nicht mehr ausgekommen sind, also es war nicht so ungewöhnlich, dass eine Frau mit zwei Kindern alleine dastand, ja das war auch in der DDR nicht leicht, aber heute ist es fast unmöglich. Für mich ist es doch immer sehr wichtig, auch als Mensch und als Schreiber, dass ich dieses 1989-90 erlebt habe. Ich empfinde es als Schriftsteller als einen Riesenvorteil, dass man den Osten kennt und den Westen kennen lernt, also da kann man vergleichen und das finde ich sehr gut, und das Ost-System hat natürlich auf ideologischen Zusammenhängen basiert, und das jetzige auf der Kontrolle über den Arbeitsplatz, über das Geld und also ich bin immer sehr, sehr ärgerlich, wenn man sagt: "Jetzt habt ihr endlich die Freiheit bekommen". Für gewisse Kriterien stimmt das natürlich und man muss auch immer sagen, über welchen Zeitraum man in der DDR spricht, aber ich sehe heute auch genau wieder die ganz ähnlichen Verbiegungen, die vorher aus ideologischen Gründen waren, die heute natürlich passieren, weil man Angst hat, den Arbeitsplatz zu verlieren oder so, also. Früher sagte man so, da konnte ich alles gegen meinen Chef sagen aber nichts gegen Honecker, jetzt kann ich alles gegen den Bundeskanzler sagen, aber nichts gegen meinen Chef. Es ist einfach. Die Zwänge sind einfach andere geworden.

Ch: Ja, bevor wir zu Deinem schönen Schluss kommen, möchte ich gerne jetzt das Wort dem Publikum geben.

Z: Wie haben Sie die Wende erlebt?

A: Also für mich war beispielsweise der 9.Oktober noch wichtiger als der 9.November, als in Leipzig soviel Leute waren und gerade mit dem Wissen um die sogenannte Chinesische Lösung, also wie es in Peking vonstatten ging. Da in Leipzig, die hatten ja das ganze Militär und Hundestaffeln, also es war ja alles da, womit die hätten zuschlagen können und für mich ist es das große Wunder gewesen, dass nicht geschossen wurde. Am 7. Oktober, zwei Tage vorher, gab's noch ganz schlimme Prügeleien, und sie hatten den Durs Grünbein da, der hatte auch eine Nacht auf dem Polizeipräsidium zugebracht, also, da war man auf einiges gefasst, was da noch passieren würde, wir haben noch den Kühlschrank vollgekauft und den Schlüssel den Nachbarn gegeben, weil man nicht wusste, wann oder wie schnell kommt man da zurück. Und dann gab es so Ereignisse, die waren für mich so grandios, es lief irgendwie auf diesen Fall der Mauer hinaus, und ich schäme mich fast ein bisschen über die erste Reaktion; ich bin an dem Tag sehr früh ins Bett gegangen und bekam das erst am nächsten Morgen mit und dachte: "Ja, ist ja prima", aber meine erste Reaktion war, jetzt kommt keiner mehr zur Demonstration, jetzt fahren die alle in den Westen.

Ch: Dazu gibt es im Buch einen Satz. "Die sind alle weg", sagt Lydia glaube ich.

A: Ja, ja, das ist dann aber eben später, als viele der Jüngeren in den Westen gegangen sind, aber ich dachte, eben, wir müssen hier noch viel, viel mehr machen und weitermachen und können es uns noch gar nicht leisten, da hübsch in den Westen zu fahren. Aber ich seh' das heute schon anders. Ich hab' früher immer so gesehen, wieder einer weniger, wieder schade und habe eigentlich gar nicht gesehen, dass indem man sich um sich selbst kümmert, das natürlich auch eine Widerstandsleistung war. Also ohne diesen Druck auf die Botschaften, ohne dass die Leute rauswollten, wäre da gar nichts ins Wanken gekommen. Ich habe es aber immer vor allem als Verlust empfunden, jetzt nicht für die DDR, sondern für uns, und dann muss ich auch sagen, aber ich war da eben sehr naiv, aber ich hab' immer gedacht, wir bauen jetzt 'ne tolle DDR auf, und das was andere sofort wussten und klar war, aber ich hab' das überhaupt nicht in Verbindung mit diesen zwei Staaten im Zusammenhang gesehen. Am 6. Dezember sind so die Staatssicherheitsämter besetzt worden und da ist es uns also gelungen von morgens bis abends 'ne ziemlich große Demonstration zu organisieren und plötzlich kamen dann bei dieser Demonstration Rufe wie, "Wir sind ein Volk" und so mit Deutschland und ich weiß noch wie die mich anschauten und sagten: "Jetzt hör' auf", also ich als einer der Organisatoren wurde angesprochen, das man sagte: "Hör' auf! Also mach' mal was. Was schreien die denn da für 'nen Quatsch rum", und ich wundere über mich selbst wie beschränkt man da war, aber ich hab' das so in der Richtung überhaupt nicht gesehen und wir haben auch immer noch gesagt, es geht ja nicht darum jetzt 'ne parlamentarische Demokratie zu machen, wir müssen uns um Basisdemokratie kümmern und und und...... und das Interessante ist, das jetzt aber nur als Anekdote: Altenburg ist eigentlich so Lutherisches Kernland, also sehr evangelisch geprägt mit einer Diaspora von Katholiken, die gerade aus Polen für den Bergbau gekommen sind. Aber alle die jetzt hohe Ämter haben, die sind katholisch, denn die waren an Hierarchien gewöhnt und waren nicht kompromittiert. Während wir also über basisdemokratische Dinge redeten, waren denen sofort Hierarchien vertraut, die sind also Landrat, Oberbürgermeister und auch da untergeordnet sind alles Katholiken.

Z: Wie sind Sie mit der Politik der Reiseverbote zurechtgekommen?

A: Das ist eine Frage, die selbst von Ostdeutschen kommt, oder sogar von Westdeutschen. Also ich muss erst mal dazu sagen, ich hatte nie das West-Erlebnis im Sinne von: "Also jetzt fahre ich in die Bundesrepublik und das ist also unglaublich schön und toll". Für mich und auch für Schriftstellerkollegen war es eigentlich so dieses Süd-Erlebnis. Es war Italien, für andere war es Frankreich, für andere Griechenland. Dresden hat ein Museum mit 180 Frühitalienern, also mit Sienesen, Florentinern. Das ist eine ganz bedeutende Sammlung, die selbst in Italien nicht so schnell zu finden ist. Man fuhr als erstes natürlich in diese Länder.

Z: Ich hätte jetzt aus Ihrem Gespräch heraus eine Frage. Ich denke schon, dass es bestimmte Sachen gibt, es so nur in der DDR gegeben hat und nicht wo anders, und eine von den Sachen ist, dass die DDR Leute einen ungeheuren Minderwertigkeitskomplex haben, dass sie nirgendwo haben hinfahren können, und was sie vorhin sagten, sie hatten keine Weltläufigkeit und konnten nicht 'Gnocci' sagen und so was. Es ist doch nur der westliche Teil des Globus gewesen. Italien, Frankreich, USA, England meinetwegen, aber Ihr habt doch fahren können nach Moskau in die Ukraine, nach Ungarn.

A: Nur als Reisegruppe, und als Reisegruppe habe ich genauso viele Westgruppen erlebt. Ab den 80er Jahren war es für uns ganz schwierig nach Polen zu fahren. Da konnte man nur als Reisegruppe... Uns blieben die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Ungarn, da gab es für 14 Tage einen Umtauschkurs, also das war für uns einfach nicht zu bezahlen. Tschechoslowakei, Rumänien war es einfach sehr schwierig durchzukommen und dann war noch Bulgarien, das war aber auch schon wieder sehr teuer dort hinzukommen. Aber wissen Sie, Sie konnten wenigstens ab einem bestimmten Zeitpunkt von Westberlin nach Ostberlin. Ich bin nie nach Westberlin gekommen, und meine Freundin ist Kunsthistorikerin, eben in diesem schönen Museum mit den 180 Frühitalienern. Wenn man dann also 40 werden muss, um erstmals die Landschaft zu sehen aus der diese Kunst kommt, oder überhaupt zu sehen. Ich meine, wir hatten Archäologen, die nie nach Griechenland kamen Das heißt nicht, dass Osteuropa für mich irgendwie minderwertig war und ich hab' ja auch gesagt, ich bin froh, dass ich aus dem Osten komme, weil ich diese Erfahrung hab' und jetzt die andere mache, aber diese Mauer war nicht nur eine Entschuldigung für vieles, es hat eben tatsächlich sehr viele Leben kaputt gemacht, und es geht jetzt nicht nur um das Kaufhaus und um den Urlaub, was natürlich auch alles sehr berechtigt ist und jedem zusteht. Dieses West-Erlebnis war für mich eben Italien, ja also der Gardasee, wo nur die Reichen sind, oder auch wiederum nur die Deutschen, und dann kommt man da tatsächlich hin und es ist so traumhaft schön und man ist das erste mal im Dezember plötzlich in dieser Wärme, und man guckt auf diese Ziegelsteine, und man trinkt seinen ersten Espresso oder Cappuccino und hängt dann nur noch wie ein Blöder an der Scheibe und guckt raus. Natürlich auch Russland, das ist wunderbar, und ich werd' das immer verteidigen, aber wenn es nur das Eine gibt und ich weiß, ich hätte frühestens mit 65 Turin sehen können... Cesare Pavese ist relativ früh in der DDR veröffentlicht worden, mein Gott, das haben wir alles gelesen und Turin war fern, es war ohne Chance da ran zu kommen und das finde ich nicht vergleichbar. Also ich will jetzt gar kein Märtyrerstatus oder so.

Z: Welche Bedeutung messen Sie der Figur von Enrico Friedrich, dem Schriftsteller, zu?

A: Also die Bedeutung der Figur im Buch, wissen Sie, es zählt ja nur was dasteht, und da könnten wir uns jetzt, also ich muss mich künstlich zum Leser machen, weil das was ich da so an Intentionen hatte, das spielt ja eigentlich keine Rolle, wenn es nicht da ist, und mir ist das schon oft passiert, das ich über irgendetwas sprach, wo ich dann merkte: " Ach, das hattest Du ja schon wieder rausgestrichen hier", deshalb möchte jetzt nicht diese Figur deuten, aber für mich ist analog eben auch zu diesem Martin, vielleicht kenne ich eben sehr viele Leute, die eine akademische Laufbahn begonnen haben. Es war in der DDR nicht so einfach Abitur zu machen, und es war erst recht nicht einfach, einen Studienplatz zu bekommen. Wenn man den aber hatte, hatte man die Arbeit sicher. Wenn man jetzt in Deutschland anfängt, Kunstgeschichte zu studieren weiß man, man tritt mit 100 oder mit 1000 Leuten noch an. Damals wusste man aber, ich hab' Altsprachen studiert. Wir waren alle zwei Jahre fünf Leute. Natürlich hatten die für uns

'ne Arbeit. Das muss man sich immer sagen, wenn man sagt, am Ende und plötzlich steht man vor dem Nichts.

Das ist nur so der Hintergrund. Ich kenne sehr viele, ganz begabte Leute die aus Gründen, die ich überhaupt nicht so benennen kann, abgestürzt sind, die Trinker geworden sind. Ohne dass ich jetzt sagen kann, das liegt jetzt daran, oder liegt jetzt daran. Also ich habe einen ganz engen Freund gehabt - eigentlich durch ihn bin ich überhaupt erst zum Theater oder auf die Idee gekommen - der ist richtig vor die Hunde gegangen. Wir haben uns dann immer noch getroffen und so weiter, aber er ist dann betrunken in ein Loch gefallen und ist dann erfroren, also es sind ganz schlimme Sachen da passiert, und so was geistert dann natürlich auch durch dieses Buch, und andererseits kenn' ich sehr viele Leute, oder kriege natürlich auch immer sehr viele Manuskripte geschickt von Leuten, die mir sympathisch sind, die schön aussehen, die klug sind, aber wo man einfach merkt, das ist irgendwie nichts, vom Schreiberischen. Es gibt ja manchmal Sachen, wo ich sage: "Da muss man irgendwie dran arbeiten und da ist irgendwas da". Für alles gibt es Universitäten, auch Hochschulen für die Malerei und für die Musik und so, aber für das Schreiben gibt es eigentlich ganz wenig, oder fast nichts, zumindest in Europa. Aber ich seh' jetzt, dass sehr sehr viele Leute, die ihren bürgerlichen Beruf aufgeben, um das zu machen, sehr viel riskieren. Also gut ich hab' auch viel riskiert, habe auch dann alles aufgegeben. Irgendwo ich hatte aber verdammt viel Glück gehabt, dass muss man auch immer dazu sagen.

Ch: Auffallend ist es hier, dass Bertram zuerst schreibt, Pornogeschichten, oder so etwas, dann Enrico und dann Petra sogar.

A: Nie, nie die sagt das ja ...... Das sind natürlich aber so drei Verhältnisse. Der Enrico, der natürlich 'nen ganz anderen Anspruch hat. Für den Bertram ist das wohl so eine Art Selbstbefriedigung und die Petra sieht das sehr gelassen. Ich hab' mir ja auch was Neues gesucht und ich kenn' natürlich, wissen Sie, wenn ich jetzt nach Altenburg zurückkomme und spreche mit den Leuten, mit denen ich bei der Zeitung gearbeitet hab, die sagen, ja, also uns gibt keiner nen Preis, wir kriegen kein Stipendium, wir werden nicht nach Turin eingeladen und arbeiten trotzdem ganz, ganz hart.

Es fällt mir sehr schwer, darüber irgendwie so zu reden, weil ich natürlich jetzt schon auch auf der glücklichen Seite stehe. Aber das mit diesem Schweigen, also manchmal denk' ich vielleicht muss man auch einfach ein bisschen älter werden, das hängt auch mit der Literatur zusammen, die man in die Hände bekommt und natürlich hauptsächlich mit den Erfahrungen. Der Durs Grünbein zum Beispiel, wir waren zusammen im Kindergarten, wir sind sehr eng zusammen erzogen worden, also so ab 20 waren wir sehr eng befreundet und ich sah eben, der hatte so mit 25 das erste Buch, also das habe ich sehr bewundert und dann so aus den Erfahrungen, die wir so als 20 jährige hatten, na ja, also ich bin für den Beruf vielleicht nicht unbegabter oder so, aber bei mir, ich weiß nicht was, sagt mir doch worüber ich schreiben soll, so ungefähr. An Gedichte war bei mir leider gar nicht zu denken und wo man denn wahrscheinlich auch so 'ne Stummheit aushalten muss, auch wenn man immer Lust hat irgendetwas zu machen..... Ich hoffe, dass diese Stummheit nicht so schnell wieder eintritt, also ich weiß nicht, ob ich bis an mein Lebensende schreiben werde, aber ich fühl' mich so, dass ich jetzt eben gerade angefangen habe und habe auch noch 'ne ganze menge Lust und noch ein paar Pläne.

Z: Eine Frage zu den Figuren des Romans. Wir haben bemerkt, dass keine der Figuren weder als völlig positiv, noch als völlig negativ bezeichnet werden. Also, meine Frage ist: Welche Bedeutung haben diese zwei Seiten der Figuren .

A: Ich glaube, eine Figur schlecht zu machen, das heißt sie preiszugeben, ist einfach literarisch sehr uninteressant. Andererseits interessiert es mich immer wieder, dass ich weiß, das sind Mörder, oder Massenmörder und sie können ganz zärtliche Väter sein, oder Liebhaber, oder wie auch immer, und es kommt einfach auf den Kontext an, wie man zu jemandem steht, und ich selber hab' immer sehr große Probleme mit Authentizität. Ich bin immer, ich besteh doch immer in Beziehung zu jemandem, also selbst wenn ich alleine bin, dann denkt man an irgendetwas oder man hat eben soviel erlebt, dass man dadurch geprägt ist und sonst bin ich eben ihr gegenüber ein anderer als wenn ich mit dem Kellner rede, oder bin meiner Mutter gegenüber ein anderer als meinem Verleger. Es sind immer Dinge, die in einem wachgerufen werden und auch zugedeckt werden, je nach dem. Und so ein Verhältnis glaub' ich, also man muss da gar nicht extra über Literatur reden, das ist glaube ich auch im Alltagsleben so. So ist das natürlich auch mit den Figuren, dass sie sich in bestimmten Beziehungen sich nicht eindeutig positiv oder negativ stellen. Das war mir ganz wichtig, das dieser Bertram etwas bekommt, das war mir eigentlich nicht ganz unlogisch. Diese Frage: "Wo steht der Autor?", auf den Autor kommt's ja gar nicht an, weil es wirklich gar nicht darauf ankommt, wie ich etwas gemeint habe, also man macht sich immer lustig über die Frage: "Wie hat der Dichter das gemeint". Wissen Sie, für mich ist es auch eine Sache, die ich ganz gerne loswerden würde, vielleicht ist das jetzt an der Stelle auch so der Platz. Ich hab kein Personaldeal in diesem Sinne.

Also gut, es gibt so diese Flaubertsche Variante, wo man sagt, der Mensch ist der Stil und dann gibt es für mich so jemanden wie Döblin, Alfred Döblin, der sagte, man muss den Stil immer wieder aus dem Stoff entwickeln und wenn Sie von Alfred Döblin etwas lesen werden, Sie merken, dass jedes Buch ganz, ganz verschieden ist. Es ist nicht der einzige Autor, den es so gibt. In der jüngeren deutschen Literatur wäre es Hans-Joachim Schädlich beispielsweise, wo jedes Buch eigentlich ganz anders ist, und wenn Sie jemanden nehmen wie Thomas Mann, das ist grandios was der macht, aber nach drei Sätzen hören Sie, das kann nur Tomi Mann sein, und der wusste selbst, wozu sein Stil taugt und wozu nicht. Sie werden bei Ihm so gut wie nichts über die 20er Jahre finden, erst recht nichts über die 30er oder die 40er. Döblin schreibt noch über die 50er Jahre. Also, er wusste einfach, wofür sein Stil taugt und wofür nicht, und ich wähle mir natürlich auch immer einen Stil, und im ersten Buch sind es sehr, sehr viele Stile und im zweiten Buch ist es eben angenähert an diese Shortstory, und das dritte Buch wird auch wieder ganz anders, und da ist für mich so meine Entscheidung, oder der Autor, um jetzt darauf zurückzukommen, hat diesen Stil gewählt. Ich bin dafür schon verantwortlich, aber ich versuche ein Bild zu schaffen und die Welt in einen Wassertropfen zu bekommen, und jede und jeder, der sich das anguckt, kriegt dazu eine eigene Beziehung, und ich kann Ihnen jetzt natürlich auch sagen, also das und das habe ich gemeint, aber Sie sind ja, also die Leser sind dann letztlich immer viel klüger und viel objektiver. So 'n schönes Geschenk wie die Beziehung zwischen Semjon und Ernst Meurer, das ist mir noch gar nicht durch den Kopf gegangen, dass es da was gibt, und so wird man ja auch durch die Leser immer wieder beschenkt durch Beobachtungen, die man nicht hatte.

Z: Welches Vorbild, stilistisch meine ich, hatten Sie für Ihre Simple Storys?

A: Ich hatte gar nicht vor, dieses Buch zu schreiben und las eben Short Storys, eben den Raymond Carver, auch noch in deutscher Übersetzung und hatte plötzlich einen Sound im Ohr, mit dem ich versucht hab', das Eigene zu erzählen. Dann hab' ich angefangen, eigentlich gedacht: "Jetzt schreibste ein paar short stories, ja was dir so einfällt", und da merkte ich plötzlich relativ schnell, warum soll ich das nicht miteinander verbinden, und dann habe ich sozusagen noch einmal von vorne angefangen, also nicht ganz von vorne, ich hab geguckt, also jetzt erst mal ganz schematisch. Hier habe ich ein männliches Ich, da ist ein Er, passen die eventuell zusammen. Was muss ich verändern, dass die zueinander passen. Das war nachdem ich so fünf, sechs short stories hatte, vielleicht auch ein bisschen mehr und dann kristallisiert, das war ein richtig schöner Abend, den ich da so verbrachte, und da hab' ich erst mal angefangen so ein paar Kästchen zu malen und zu überprüfen: "Geht das? Wer kann da eventuell mit wem?", und "Was muss ich dadurch verändern?" Das hat mir auch vieles wieder kaputt gemacht, aber das war mir vom Zusammenhang dann wichtiger und plötzlich hatte ich danach wie so 'ne Art Spielanleitung, also ich hatte plötzlich diese beiden Familien, die Meurers und die Schuberts und dann kam da noch so diese Dachs-Geschichte rein.. Ich war plötzlich gar nicht mehr frei, also das war so wie ein Hauptstrang und alles, ich bin doch immer wieder von der einzelnen Sache ausgegangen und habe dann aber gemerkt, wie passt diese einzelne Sache, die mir da nun einfällt, durch die ich auf der Strasse angeregt wurde, oder bei der Lektüre angeregt wurde, wie kann ich damit umgehen im Einzelnen, und dann hab' natürlich geguckt: "Passt das jetzt zu Martin, passt das dahin, passt das dahin und wie verändert es sich dadurch?", und dadurch hatte ich dann eine Spielanlage, der ich wirklich bis zwei Tage vor der endgültigen Ablage - also das war dann schon durch die Setzerei und durch alles durch - wo ich den Beziehungen selbst noch hinterher gelaufen bin, also ich weiß noch, also das war dann weitaus vorher, aber es gab so 'ne Konstellation, wo der Pitt die Hanni heiratet, wo's dann wieder so umschlägt, und das war mir dann irgendwie auch notwendig, dass die dann wieder tatsächlich wieder in Liebe zueinander kommen, und dann dachte ich: "Mein Gott, da kommt auf der Hochzeit zusammen, da ist der Ernst Meurer und da kommt die Marianne Schubert und da begegnen sich zwei, die praktisch ihr Leben sehr voneinander beeinflusst wurde, und jetzt trete ich dem auf einer Hochzeit gegenüber. Also das war so 'ne Situation, die ich gar nicht hingezirkelt habe, sondern die ergab sich plötzlich, und da hätte man natürlich anbauen können. Es hat mal sehr viele Missverständnisse ausgelöst, ich hab' mal gesagt, dass mein Vorbild nicht die oder die Fernsehserie ist, sondern das Prinzip von einer Soap-Opera, oder von so einer Fernsehserie; wer die von Anfang an kennt, der hat immer mehr von so einer einzelnen Folge. Wenn ich da einschalte und reingucke, verstehe ich nicht viel, also gut, da ist zwar ein Konflikt, aber warum die jetzt so und so sind, das entzieht sich mir, und vom Prinzip her ist das schon ein bisschen so, wenn man da weiß, was die und der erlebt hat, und wo sie vielleicht hingeht und jetzt ist eben in dieser Figurenkonstellation das. Also es ist jetzt keine Komposition in dem Sinne dahinter, auch wenn ich so was immer sehr bewundere.

Z: In Ihrem Buch kommen viele Fremdwörter, besonders aus dem Englischen, vor. Gibt es einen Grund dafür?

A: Ja, weil es mir als Erfahrung so gegenüber tritt. Selbst unsere Wertkonservativen, die CDU, machen Wahlplakate mit: "Keep Kohl!"Also wenn ich jetzt da draufschreiben würde: "Haltet fest an Kohl!", oder so was, also man nimmt mit dieser Sprache nicht nur einen Inhalt auf, sondern auch eine Geste, eine Erlebnishaltung. Also alle sagen 'Babys', keiner sagt mehr 'Säuglinge' und für bestimmte Dinge, wie Internet, gibt es gar kein deutsches Wort dafür. Ich glaube, ich bin jemand, der gar nicht so viele Anglizismen verwendet, also sag' auch Babys, oder Computer.

Ch: Du sagst auch 'ladylike'.

A: Das ist dann schon sehr bewusst eingesetzt, denn auf Deutsch eine Entsprechung für 'ladylike' zu finden, ist nicht so einfach. Eine Sprache hat ja auch immer was Inkommensurables, etwas das man anders nicht ausdrücken kann. Gerade in Ostdeutschland, ich finde das nicht toll, man kann Sprache kritisieren, sprachkritisch sein, also ein Ausdruck wie "ethnische Säuberung", wo man sagt: "Das geht nicht", dann war vorher was dreckig, wenn ich jetzt etwas säubere und so. Aber ansonsten gibt es in der Sprache für einen Schriftsteller, für mich, keine Fehlentwicklung, das ist alles Material das irgendetwas aussagt, ja, und wenn eben gerade so viele Anglizismen auftauchen, dann ist das natürlich auch ein Zeichen von Bereitschaft, das aufzunehmen und das es eben tatsächlich so ist. Ich kann in einem Dialog, kann ich zwar versuchen das Wort 'OK' zu vermeiden, aber irgendwann würde es vielleicht angestrengt werden, ja oder 'Happy Birthday', oder auch 'surprise, surprise', das ist natürlich auch schon so ja, sagen wir, ein Ritual. Wenn ich die Anglizismen rausgelassen hätte, hätte ich ein Stück Wirklichkeit rauslassen müssen.

Z: Waren Sie in der DDR-Zeit politisch oder gesellschaftlich engagiert?

A: Also es gab Leute, die in DDR Zeiten sehr, sehr engagiert waren, in Umwelts- und in Menschenrechtsgruppen, und da war ich nie ein Teil davon, weil ich auch nie den Zugang dazu gefunden habe. Also ich bin immer in der DDR geblieben, ich habe gedacht, irgendwann kommt einmal diese Stunde X, wo jemand da sein muss, und aber so richtig habe ich das auch nicht geglaubt, aber es war trotzdem eine Motivation und als ich dann im September in Leipzig war, als da plötzlich 10.000 Leute waren, da dachte ich, das sind nicht alles Leute, die ausreisen wollen, da passiert noch was anderes und da habe ich gedacht, also jetzt musste dahin. Ich hab erst am 2. Oktober gesagt, "Ich fahre in die Bibliothek", und war dann mit einem Schauspieler zusammen. Ich hatte im Oktober sehr, sehr viel Angst, am Anfang in Leipzig und dann auch zu Hause, denn man hatte dann seine Adresse öffentlich gemacht und es waren dann natürlich auch sehr eigenartige Typen, die zu einem kamen, solche und solche. Aber sagen wir mal so, es gab so etwa drei bis vier Wochen, wo ich wirklich Angst hatte, also wie es bei Sarah Kirsch heißt: "Klappt jetzt die Autotür da draußen?", aber das betraf dann natürlich nicht nur mich. Das betraf dann in dieser Zeit sehr viele Leute, die sich einfach da exponiert hatten. Daher rührt auch so ein bisschen, aber das ist natürlich 'ne falsche Betrachtungsweise der Geschichte, so 'ne besondere Enttäuschung ein halbes Jahr später bei den Wahlen, wo all das überhaupt keine Rolle mehr spielte. Aber ich war nie ein Oppositioneller, das wird glaube ich jetzt Gegenstand des dritten Buches, die 80er Jahre in der DDR: das war kein schlechtes Leben. Im Einzelteil gab es Verbrechen, muss man immer sagen, aber ich habe eigentlich nie etwas gesagt, was ich nicht vertreten konnte. Ich hab' immer versucht zu schreiben. Für uns war es immer klar, wenn ich was schreibe, das wird sowieso im Westen veröffentlicht. Ich war nicht bei der Opposition und ich bewundere Leute, die das ganz früh angefangen haben, aber es gibt auch Leute, die unglaublich unter ihrem Bedeutungsverlust nach 1989 leiden und sie sehen, dass viele DDR-Oppositionelle jetzt ganz rechts gelandet sind, also nicht ganz rechts, aber doch in der CDU gelandet sind, und so wichtig das ist, dass man über die DDR Bestimmtes nicht vergisst, und ich finde das gut, dass nach wie vor diese Stasi-Akten offen sind, aber man muss auch aufpassen wie so etwas instrumentalisiert wird. Also ich bin ein paar mal gefragt worden. "Ja, warst Du in der Stasi drin?" "Sind sie im BND?" kann ich dann immer nur fragen. Aber diese Frage gibt es nicht, da werden keine Akten offengelegt. Also, man muss immer aufpassen, inwieweit eine Sache, die erst mal im Kontext der DDR richtig ist und wo man auch wirklich nicht so schnell vergessen soll, wie das danach instrumentalisiert wird und da bin ich sehr skeptisch bei vielen Dingen.

Z: Sie haben einen Roman über Ostdeutschland geschrieben, aber eigentlich erkennt man Situationen, die auch für Westdeutsch oder Westeuropäisch sein können. Was war eigentlich Ihre Absicht, DDR Leute zu beschreiben, oder haben Sie an einen exportierbaren Roman gedacht?

A: Also ich denke immer nur international und gucke nach den Marktlücken. Nein, wissen Sie, ich glaube die Situationen, die da beschrieben werden, die könnten überall in der westlichen Welt stattfinden. Ich habe in Kalkutta gelesen. Die hat das zweite Buch überhaupt nicht interessiert, es wurde nur über das erste Buch gesprochen und das waren für sie so Sachen, ja alles ganz gut und schön, aber es hatte wenig Ansatzpunkte da in der Wirklichkeit, und ich denke, dass die Situationen, wie sie auch in Simple Storys beschrieben werden, auch in Italien und sonst wo passieren können. Der große Unterschied für mich, wenn man genauer hinguckt, das sind die Figuren. Meine Erfahrung ist, dass es natürlich ein Unterschied ist, ob man in so einem westlichen System geboren worden ist und aufgewachsen ist und das eigentlich mit der Muttermilch aufgesaugt hat, oder ob man von dem einen Tag auf den anderen kennen lernt, also ich war 27 und damit noch relativ jung im Vergleich zu Leuten, die da wesentlich älter waren. Für die war das viel schwerer, und wenn man da bestimmte Figuren anschaut, vieles verwischt sich natürlich. Die Barbara Holitzschek sagt: "Ihr habt da im Ratskeller gesessen in Euren Bayrischen Trachten", also plötzlich haben die ganz alten Kneipen ihre schöne Einrichtung rausgeschmissen und haben irgendwie sich so neubayrisch eingerichtet. Oder, es kommt immer darauf an wo ich das lese. In Regionen wie Süddeutschland und vielleicht auch in Italien merkt man das vielleicht nicht, aber, wo im Buch gesagt wird: "Sahnegeschnetzeltes, zum Nachtisch Tiramisu. Außer Bier hatte er nichts getrunken", also plötzlich war Tiramisu, das war neu. Das gab's überall, das war im Westen in diesem Moment schon vorbei. Also das ist jetzt nur so 'ne Kleinigkeit. Ich möchte jetzt nicht immer sagen: "Das ist jetzt so typisch Ost", aber wenn man das mal so genau durchgeht, einer aus dem Westen sieht viele Dinge sehr viel gelassener und gleichzeitig kann man sagen, also allein so ein Problem wie Frauenemanzipation, das ist im Osten was ganz anderes als im Westen und lässt sich ganz schwer vergleichen, also oder erst recht mit Russland. Wo es die Frauen also nach westlichen Kriterien ganz schlimm haben, aber trotzdem eine unglaubliche Souveränität und so findet man glaube ich sehr, sehr vieles.

Ch: Die Zeit ist um. Also recht schönen Dank. Wirklich schönen Dank, auch weil Du uns einen Blick in Deine Werkstatt erlaubt hast.


«« torna all'indice
 
 
home | publicazioni | quaderni | bacheca studenti | progetti & materiali | eventi | links
informazioni | suggerisci | contattaci