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INTERVISTA A FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS

La trilogia Deutscher Herbst, a cura di Lidia Cossolo. Roma, 15.11.2002

Frage: Die Hauptfiguren der Romane gehören Ihrer Generation an.
Was soll mittlerweile aus Roland Diehl geworden sein?

Delius: Ich hab' den Roland Diehl als eine Figur angelegt, die ein guter Schulfreund von mir sein könnte, und jemand der in Vielem vielleicht einen Weg gegangen ist wie ich, der aber aus verschiedenen biographischen Gründen jetzt in dieser Position gelangt ist, und ich denke manchmal daran, ob ich nicht mal einen Roman über diesen Roland Diehl heute schreiben sollte. Ich hab' dazu keine konkrete Idee: der könnte beispielsweise bei der "Treuhand" gelandet sein, die sich um die Auflösung der DDR kümmerte. Er war sozusagen für die, vereinfacht gesagt, wirtschaftliche Verteilung dieser "Beute" auf die eine oder andere Weise zuständig, aber es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht wär' er auch schon längst entlassen, also im Vorruhestand. Ich habe über diese Frage noch nicht so konkret nachgedacht, aber ich denke, er könnte immer noch so ein halb aufgeklärter effektiver Managertyp sein, sehr viel verändert haben würde er sich glaube ich nicht.

Frage: Andrea Boländer, die erfahrungslose Hauptfigur von "Mogadischu Fensterplatz", tritt im Vergleich zu Diehl und Nagel als schwache Persönlichkeit hervor. Auf jeden Fall sind nur die Männer mächtig in Ihren Romanen.
War die deutsche Gesellschaft der Siebziger Jahre so männlich?

Delius: Ich sehe in Andrea Boländer überhaupt keine schwache Persönlichkeit. Ich habe mir sehr schnell, als ich mich an dieses Thema herangewagt habe, vorgestellt, daß ich eine Figur haben möchte, die sehr genau beobachtet, denn alle Geiseln in dieser Maschine waren passiv, sie waren zur Passivität verurteilt, egal ob Männer oder Frauen oder alt oder jung. Und ich habe ganz bewußt eine Frau genommen, weil Frauen, im allgemeinen gesprochen, besser und genauer als Männer beobachten können: Männer, die sich hier in zu kritischer Situation strategisch verhalten, versuchen irgendwie Position einzunehmen, aber nicht zu genau beobachten, n'est-ce pas? Das ist nicht nur meine Erfahrung, sondern das ist auch mein tatsächlicher und wissenschaftlicher Beleg, also, jemand der genau beobachtet, obwohl er zur Passivität verdammt ist. Das ist die Stärke dieser Figur, die alles wahrnimmt, sie ist dem Autor sehr nah, der auch beobachtet, der Beobachter ist. Und ich denke, man kann das mit den anderen Romanen oder den anderen Hauptfiguren so nicht vergleichen. Roland Diehl ist für meinen Begriff in einer mächtigen Position, aber als Person viel schwächer, und der Nagel ist natürlich der Anführer dieser Terroristengruppe, er ist natürlich so ein Aktivitätsmensch, aber das ist etwas ganz anderes, und natürlich ist er nur als Persönlichkeit stark, weil er diesen "Hass gegen alles in sich" spürt, aber das ist auch keine starke Person im Grunde, also, für mich ist Andrea Boländer die stärkste Person.

Frage: Die Medien werden in den Romanen "Mogadischu Fensterplatz" und "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" angeklagt, weil es ihnen an Ethik mangelt. Halten Sie die heutige Information für besser als die der Siebziger Jahre? Könnten Sie sich dazu äußern?

Delius: Ich halte die heutigen Medien nicht für besser als in den Siebziger Jahren. Ich habe, weil ich versucht habe, eine Gesellschaft zu beschreiben, die sich durch Politik verändert, natürlich die Medien nicht herauslassen können. Die Medien spielen eine entscheidende Rolle, aber die Medien nehmen ja nicht die Wahrheit unbedingt auf, dessen was geschieht, sondern sie verkaufen Nachrichten und insofern gibt es die Verzerrungen unserer Wahrnehmung auch durch die Medien, und das gehört selbstverständlich in einen kritischen Roman, der sich mit der Gegenwart befasst.

Frage: In "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" sieht der Professor Maurizio Serratta aus Ferrara ein bißchen künstlich aus.
Könnten Sie erklären, warum Sie diese Figur gewählt haben?

Delius: Ich habe diese Figur gewählt, weil es damals einen internationalen Ausschuß gab zur Untersuchung der Todesumstände von Ulrike Meinhof, und das waren verschiedene Intellektuellen aus verschiedenen europäischen Ländern, und ich habe aus naheliegenden Gründen einen Italiener genommen, der mit diesen Fragen ankommt, der eigentlich eine Verabredung zu dem Thema hat, und dann nach Wiesbaden fährt. Der hat natürlich so eine Nebenrolle, eine Statistenrolle, er dient eigentlich mehr dazu, diese Fragen zu präsentieren, und insofern würde ich die Kritik annehmen, daß er an etwas künstliche Figur ist.
Er fährt zwar am Morgen in den Bus' rein oder so, aber er ist, sagen wir, doch stark durch den Roman, sagen wir: instrumentalisiert. Das geb' ich zu.

Frage: Entspricht der Minister aus Bonn, der während der Terroristenjagd ständig in Verbindung mit Schäfer (BKA) bleibt, dem damaligen Innenminister?

Delius: Das kann ich so genau nicht mehr sagen, weil natürlich mir meine Figuren so Romanfiguren sind, die in dem Roman agieren. Ich vermute aber, daß dahinter schon ein selbstverständlicher Kontakt, ein ständiger Austausch bestand von der Figur Schäfer, dem obersten Kriminalbeamten, zu dem Innenminister, der für die ganze Verhandlung, für die ganze Fahndung, für die Suche nach den Terroristen zuständig war. Und der auch der Vorgesetzte von dem Schäfer ist, ich denke, das ist ein ganz normaler Kontakt.

Frage: Welchen Widerhall hat die Trilogie "Deutscher Herbst" in Deutschland und im Ausland gefunden?
Ihrer Meinung nach, warum?

Delius: Ja, die Bücher sind im Abstand von elf Jahren erschienen, und insofern sind sie erst sehr spät als Trilogie wahrgenommen worden. Am meisten Resonanz hatte "Mogadischu Fensterplatz", das hat die Leute am meisten bewegt, und auch der erste Roman "Ein Held der inneren Sicherheit", also, von der Resonanz in der Kritik und beim Verkauf ja, während "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" sehr wenig wahrgenommen wurde. Das hängt erstens damit zusammen, daß es in einem Jahr erschienen ist, als alle in Deutschland den Kopf voll mit den Fragen der deutschen Einheit, der Vereinigung hatten, und da wollte man mit diesen angeblich so fern liegenden Dingen wie dem "Deutschen Herbst" 1977 nichts wissen - das war ganz dumm eigentlich, strategisch gesprochen. Und das andere war das natürlich diese bittere fast satirische Sicht auf diese Dinge, daß also der Staat nun mit einem Staatsbegräbnis die drei Täter feiert. Dieser Gedanke ist auf den ersten Blick für viele nicht sehr einleuchtend, und daß drittens die Struktur komplizierter ist mit verschiedenen Handlungsstrukturen. Das hat dazu geführt, daß dieser Roman sehr wenig beachtet wird. Es gibt einzelne Literaturkritiker, die sagen, daß sei der Beste von diesen Romanen. Es gibt auch andere, die das anders sehen. Diese drei Romane sind als Trilogie - vielleicht zuerst als Taschenbuch - wahrgenommen worden, wo sie da alle zusammenstehen. Aber heute hat sich das Bild durchgesetzt, das ist die Trilogie zum "Deutschen Herbst", also, immer wenn Jubiläen sind - es was das 25 jährige von 1977 - dann wird schon mal darauf Bezug genommen, da wird gesagt: es gibt die Trilogie von Delius, oder vor fünf Jahren habe ich einen langen Essay in der Zeitung "Die Zeit" geschrieben, wo ich das noch einmal aus politisch - literarischer Sicht gesehen habe, einfach die Dinge dargestellt, und dann wird auch immer auf die Trilogie verwiesen. Und dann kann ich noch sagen, was die Wirkung im Ausland angeht, daß also "Mogadischu Fensterplatz" das Buch ist, das am meisten ins Ausland verkauft wurde, das nicht nur in Italien erschienen ist, sondern auch in Frankreich, in der Türkei, in Japan, in Bulgarien, in Polen mittlerweile, in Dänemark glaube ich, und noch in zwei anderen Ländern, also in verschiedenen Sprachgebieten (acht), ich meine, mehr habe ich von meinen anderen Büchern nie ins Ausland verkauft, das war am besten gegangen.

Friedrich Christian Delius, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


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